3 Juni 2017

Wir verteidigen die 7 mächtigen Bestimmer und töten unzählige Unschuldige

Am Sonntag, den 28. Mai 2017 wurde im Anschluss an das Anlegen des italienischen Schleppers Vos Thalassa „Der Tod und die Verzweiflung“ gegeben. Auf dem Schlepper befanden sich 1040 Personen, Männer, Frauen und Kinder, zusammengepfercht wie Tiere. Die geretteten Migrant*innen blieben vier Tage auf dem Schiff. Ihnen stand nur eine einzige sanitäre Einrichtung zur Verfügung. Ausreichend Nahrung gab es nicht. Durchnässt schliefen sie im Freien. Sie reisten Seite an Seite mit 7 geborgenen Leichen, da das Schiff nicht für die Bergung von Toten auf dem Meer ausgerüstet ist.

Die aus dem Meer geborgenen Leichen
Die in Palermo angekommenen Opfer sind 5 Frauen und 2 Jugendliche; nachdem sie in Sperrholzkisten gelegt worden waren, wurden sie mit einem Kran an Land befördert, über die Köpfe der Überlebenden hinweg, die im Hafen auf dem Schiff festgehalten wurden.

Die Überlebenden
„Italien hat uns allein gelassen; wir sind mit Personen überschüttet worden, für die wir nichts tun konnten; das ist Italien, es hat uns ausgebeutet und verlassen.“ Der das sagt, ist einer der Jungen aus der Mannschaft der Vos Thalassa, die sehr viele Schwierigkeiten hatte, da alle sizilianischen Häfen wegen des G7-Gipfels in Taormina vergangene Woche für 5 Tage geschlossen waren.

Wie es vorhersehbar war: In den 5 Tagen des Gipfels der mächtigen Bestimmter keine Rettungsaktionen auf dem Meer durchzuführen, hat dazu beigetragen, dass es viele Tote gab; ebenso der Befehl, die in jenem Zeitabschnitt geretteten Migrant*innen in am weitesten von Sizilien entfernte Häfen an Land zu bringen; das hat für viele Menschen die Möglichkeit, gerettet zu werden, verringert; sie haben es nicht geschafft.

Das Schiff Vos Thalassa kommt im Hafen von Palermo mit 1040 Migrant*innen und 7 Leichen an Bord an.

Die unwürdigen Anlandungsoperationen
Als wir vergangenen Sonntag an den Anlandungsoperationen der Migrant*innen der Vos Thalassa teilgenommen haben, haben wir Scham verspürt. Wir mussten feststellen, dass es keine Absprachen zwischen den Institutionen gab; es gab keinen Beschluss über Maßnahmen der Aufnahme, alles wurde dem Zufall überlassen. Wie es auch zufällig ist, dass es dadurch nicht zu weiteren Toten gekommen ist.

 

Wir haben unter den Arbeiter*innen, die im Hafen anwesend waren, verschiedene Erklärungen gesammelt, wie z.B. die eines Mediator, der erzählt: „Es war unwürdig, und wenn ich unwürdig sage, dann meine ich das wortwörtlich; und zwar, egal ob vorsätzlich oder aus der Situation heraus: Es ist unwürdig oder unentschuldbar auf der Grundlage moralischer Werte, die nicht außer Kraft gesetzt können.“


Wir selbst waren Augenzeug*innen der Vorfälle. Wir wissen nicht bis ins Detail, wie die Rettungsschiffe geleitet werden, aber wir finden es inakzeptabel, dass Menschen 4 Tage lang Nahrung und Wasser vorenthalten wurde, vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich um Überlebende von Schiffbrüchen, Opfer von Menschenhandel, Geflüchtete handelt. Auch zugestanden, dass der Schlepper nicht dafür vorbereitet war, mehr als 1000 Menschen an Bord zu nehmen; aber dann hätte doch die italienische Regierung erst recht eine sofortige Intervention zur Hilfe vorbereiten und die Leitung übernehmen, die Migrant*innen aufnehmen müssen, statt sie vier Tage unter diesen unwürdigen Bedingungen auf dem Meer zu lassen. Für das, was vorgefallen ist, gibt es keine haltbaren Rechtfertigungen.

 

Zeugenaussagen über institutionelle Schandtaten

Ein Freiwilliger hat uns, nachdem er bei dieser Schandtat geholfen hat, einige seiner Überlegungen zukommen lassen, die wir mit unseren Leser*innen teilen möchten: „Diese Überlegungen betreffen nicht nur mich sondern alle Freiwilligen der verschiedenen anwesenden Organisationen, Menschen, ohne die es schwer gefallen wäre, die Anlandung von einer Schlachterei zu unterscheiden, Menschen, die dazu beigetragen haben, die famose „Würde“ zu garantieren… aber ich frage mich: Ist es richtig, ohnmächtige Zeug*innen dieses Massakers zu sein? Manchmal denke ich, es wäre besser, nicht hier zu sein sondern Unwohlsein zu schaffen, um Aufmerksamkeit zu wecken und effiziente Lösungen zu suchen; aber ich habe Vorbehalte. Ich habe dabei Angst um die Menschen, die unter den hausgemachten Schwierigkeiten leiden (und für mich ist schon eine Person eine zu viel) und ich habe Angst, dass die Lösung eine militärische sein könnte… und das wäre die größte Schlappe. Ich verabscheue mich dafür, dass ich nicht in der Lage bin eine Lösung zu finden, dass ich nur negative Dinge gelistet habe, aber zurzeit hat das Gefühl der Ohnmacht und der Frustration die Oberhand. Ich will nicht kapitulieren, ich will weiterhin hoffen, aber das ist schwierig. Vor einiger Zeit habe ich einen Satz von Paul Valéry gelesen, und ich habe seinen Sinn nicht verstanden; heute verstehe ich ihn mehr denn je: Die Hoffnung lässt leben, aber wie auf einem gespannten Seil.“


Wir sind alle Zeug*innen der Ineffizienz der Institutionen und der Unzulänglichkeit ihrer Interventionen geworden: Vertreter*innen des Stadtrats Palermo, die bei der Anlandung einige Stunden anwesend war, haben nicht „Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um eine würdige Aufnahme zu bieten“; die Präfektur hatte keine Ahnung, wie und wo sie die Menschen bei ihrer Ankunft unterbringen sollte; die Quästur, die sich mit dem ungenügenden Personal rechtfertigt, war nicht in der Lage, die Anlandungsoperationen zu koordinieren.

Die unersetzliche Arbeit der Freiwilligen und der NGOs

Tatsache ist, dass es ein Desaster geworden wäre, wenn die Mediator*innen von Ärzte ohne Grenzen nicht da gewesen wären, die nach Tagen ununterbrochener Arbeit nach Palermo gekommen sind um die vielen Überlebenden zu unterstützen, die Familienmitglieder verloren haben. Auch weil der Kommandant der Vos Thalassa und die Mannschaft an einem gewissen Punkt ausgebrannt das Schiff verlassen und die Tür zur einzigen Toilette geschlossen haben. Die einzigen Personen, die, nicht ohne Schwierigkeiten, sofort evakuiert wurden, waren die Frauen, Kinder und Kranken.

Auch die auf dem Schlepper anwesenden Ärzt*innen haben das Schiff danach sofort verlassen; sie hatten Angst erdrückt zu werden, von dem Gedränge der Menschen, die gepackt waren von Panik und Müdigkeit. Der Quästur ist es nicht gelungen, unter den an Bord verblieben Migrant*innen die Ordnung aufrecht zu erhalten; diese haben sich auf der Treppe zusammendrängt und versucht, durcheinander und gewaltsam, das Schiff zu verlassen. Viele Menschen haben wegen des Chaos, das entstanden ist, über Schmerzen oder Unwohlsein geklagt.Mit Hilfe der Freiwilligen und der fundamentalen Unterstützung der Mediator*innen von Ärzte ohne Grenzen, waren es die Migrant*innen, die sich selbst organisiert und ein System ausgedacht haben, das eine reibungslose und sichere Anlandung ermöglicht hat. Die Mediator*innen haben mit den Migrant*innen gesprochen, um Bedingungen zu schaffen, unter denen die Landung in aller Sicherheit vonstattengehen konnte; es war eine lobenswerte Arbeit, auch von den Mitarbeiter*innen des UNHCR und von Save the Children, die so viel Sturheit gezeigt haben, unter schwierigen Bedingungen zu arbeiten und die Mediator*innen und die Freiwilligen zu unterstützen. Menschen, die Palermo das Gesicht gerettet haben, Menschen, die sich gratis engagieren und die eine Aufmerksamkeit für das Leben haben; das macht den Unterschied aus in diesem totalen Chaos.

Die Folgen des Chaos und die Kraft von Big Man
So viele Menschen, die für zwei Tage am Hafen blieben oder in der Quästur, getrennte Familien, Notfallzentren, die ad hoc bei der Caritas von Monreale und Palermo eröffnet wurden, Menschen, die in den Hotspot* von Trapani verlegt wurden, Marokkaner*innen, die auf die Straße ausgewiesen wurden, Migrant*innen, untergebracht in neuen CAS*, eröffnet Hals über Kopf aus diesem Anlass.

Big Man, ein junger Mann von 19 Jahren, ist als letzter vom Schiff gestiegen: Er hat die Anlandung von 1039 Menschen angeführt, er hat sich die Lunge aus dem Hals geschrien, um kein Chaos zu schaffen, hat die Ruhe bewahrt; und als er seine Aufgabe beendet hatte, die eigentlich Sache der Institutionen gewesen wäre, hat er gelächelt und ist von „seinem“ Schiff gestiegen, dem Schiff, das von anderen aufgegeben wurde. „Perfekt, jetzt kann ich runterkommen, wie sind fertig.“ Und hat hinzugefügt: „Ich bitte Gott, dass er mir wieder die Fähigkeit gibt zu träumen.“ Die wünschen wir Dir, Big Man!

Redaktion Siciliamigranti

*Hotspot – Sammeleinrichtung

*CAS – außerordentliches Aufnahmezentrum

Übersetzung aus dem Italienischen von Rainer Grüber

 

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