22 September 2018

Solidarität ist kein Verbrechen! Sechs tunesische Fischer aus Zarzis werden aus dem Gefängnis entlassen

Palermo, 22.09.2018

Sechs tunesische Fischer wurden Ende August 2018 wegen des Vorwurfs der Schlepperei in Sizilien verhaftet. Seitdem saßen sie in Haft. Sie hatten 14 Menschen aus Seenot gerettet. Nun sind sie frei

Die zwei Richterkollegien, die gestern und vorgestern am Überprüfungsgericht von Palermo den Fall der sechs tunesischen Fischer verhandelten, teilten heute mit, dass Chamseddine Bourassine, mit seiner Besatzung Lofti Lahiba, Farhat Tarhouni, Salem Belhiba, Bechir Edhiba und Ammar Zemzi noch am heutigen Tag die Haftanstalt in Agrigento (Sizilien) verlassen und nach Hause zurückkehren dürfen.

 

Noch nicht geklärt ist, wann der Prozess gegen die sechs Fischer vor dem Gericht in Agrigento beginnen wird.

Zum Fall:
Seit dem 30. August 2018 befanden sich der Kapitän eines tunesischen Fischerbootes, Chamseddine Bourassine, mit seiner Besatzung im Gefängnis von Agrigento. Ihr Schiff wurde in Licata (Agrigento) festgesetzt. Ihnen wird Schlepperei und Begünstigung illegaler Einwanderung zu Last gelegt, da sie 14 Personen, darunter mindestens drei Minderjährige, aus Seenot retteten. Die Personen befanden sich an Bord eines kleinen Bootes, das auf dem Weg Richtung Lampedusa in Schwierigkeiten geriet und darauf wartete, von der italienischen Küstenwache gerettet zu werden. Die Hilfe kam jedoch nicht und die Fischer entschieden, das Boot in Schlepptau zu nehmen.

Die sechs Fischer taten, was das Seerecht von uns verlangt: Sie halfen 14 Menschen, die sich auf See in Gefahr befanden.

Chamseddine Bourassine und seine fünf Kollegen wurden in Lampedusa wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung in besonders schwerem Falle verhaftet.

Aber es handelt sich nicht um Schlepper – Bourassine und die Fischer aus Zarzis (Tunesien) haben in den vergangenen Jahren viele Menschenleben auf See gerettet und auch viele Tote aus dem Meer geborgen. So erklärte auch einer der Geretteten, dass sie ohne diese Fischer die Fahrt nicht überlebt hätten.

Auch die von Frontex veröffentlichten Videobilder zeigen zum einen, wie die Fischer das Boot abschleppen und zum anderen, dass die Besatzung, bevor sie auf die 14 Migrant*innen traf, ihrer gewöhnlichen Fischertätigkeit nachging.

Am 16. September erhielt der Film „Strange Fish“ von Giulia Bertoluzzi auf dem Mailänder Dokumentarfilmfestival einen Preis – dieser Film zeigt auch die humanitäre Arbeit der Fischerkooperative aus Zarzis, deren Vorsitzender eben jener Chamseddine Bourassine ist.

Zudem wurde die Vereinigung der Fischer aus Zarzis zusammen mit 65 weiteren Organisationen, die sich vor allem für die Rettung von Menschen auf See engagieren, unter dem Titel „Die Rechte des Mittelmeeres – Für die humanitäre Seenotrettung von Migrant*innen“ für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Unterstützung erhalten die Fischer von vielen Seiten, am 19. September demonstrierten Fischer, Angehörige, Gewerkschaften und viele mehr in Zarzis für die Freilassung der Fischer. Auch die tunesische Regierung hatte sich für eine sofortige Freilassung an die italienische Regierung gewandt. In vielen Städten in Tunesien, Frankreich und Italien gibt es weitere Solidaritätskundgebungen für die betroffenen Fischer.

Es handelt sich um Fischer und nicht um Schlepper.

Die anderen Fischer der Vereinigung aus Zarzis schrieben in ihrem Brief an die italienische Botschaft in Tunis:

„Wenn wir auf See auf Schiffbrüchige treffen denken wir nicht an ihre Hautfarbe, ihre Herkunft, ihre Religion, und noch weniger daran, ob die Lega oder die 5-Sterne-Bewegung einverstanden sind oder nicht. Denn wir denken nur daran, Leben zu retten, auch wenn wir dafür unseres geben müssten.“

Am 20. und 21. September fanden nach nunmehr drei Wochen Haft zwei Anhörungen zur Haftprüfung vor dem Überprüfungsgericht in Palermo statt. Während am 20.9. der Fall eines der sechs Fischer verhandelt wurde, verhandelte am 21.9. ein anderes Richterkollegium die Haftprüfung der weiteren fünf Fischer. Zu dieser kuriosen Aufteilung kam es aufgrund der zeitlich unterschiedlich versandten Akten aus Agrigento, wo die Fischer inhaftiert sind und wo ein möglicher Prozess stattfinden wird. Eine Entscheidung ist in den nächsten Tagen, spätestens jedoch am Montag zu erwarten.

Zur Unterstützung reisten Familienmitglieder der Betroffenen, darunter der Bruder des Kapitäns Chamseddine Bourassine und der Sohn eines der Fischer aus Frankreich an. Das Antirassistische Forum Palermo rief am 21.9. zu einer Solidaritätskundgebung vor dem Gericht auf, woraufhin sich spontan circa 30 Personen versammelten und die Freiheit der Fischer forderten. Der Protest wurde von der Presse medial begleitet.

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