30 Dezember 2017

Nicht alle können feiern

Auch während der Weihnachtszeit sind wir Zeug*innen von sich häufenden, heuchlerischen und oberflächlichen Reden unserer Politiker*innen, von Minniti* bis Gentiloni*. Gleichzeitig wird das politische Handeln Italiens innerhalb eines Monats mehrfach angeprangert, zuerst vom UNHCR* und dann vom Permanenten Völkertribunal*. Diese beiden Instanzen könnten nicht unterschiedlicher sein, doch es vereint sie die Verurteilung Europas und Italiens, beides Komplizen von unmenschlicher und krimineller Politik.

Campobello di Mazara (TP) – Ein Bild des Camps nach dem Brand in der Weihnachtsnacht

Aber während unsere Politiker*innen im Wettlauf um die herzzerreißendsten Interviews in Fernsehen und Zeitungen sind, um noch ein paar Wähler*innenstimmen zusammenzuraffen, haben sie jedoch keine Zeit, ins Parlament zu gehen und über das ius-soli-Gesetz abzustimmen. Es bleibt die Hoffnung, dass diese klare politische Geste das wahre Gesicht und das wirkliche Vorhaben der zutiefst rassistischen politischen Kräfte enthüllt.

Leider stirbt man weiter und auch an Weihnachten gibt es kein Pardon. Im Gegenteil: um eine Krippe vorzuführen oder eine schwarze Statue zu fotografieren, die in Schale geworfen im Hafen von Palermo ankommt, schweigt man zu den Todesfällen. Alles wird zweitrangig, sobald es riskiert, unsere Festessen und Tombolas zu stören.

Aber für manch eine*n ist es weder Weihnachten, noch Silvester, für manch eine*n ist es immer dieselbe Leier: jeden Tag versuchen, aus der Unsichtbarkeit und der Ausbeutung herauszukommen und zu überleben, ohne jegliche Aussicht auf jedwede Feier.

Nichts zu feiern hat zum Beispiel B., ein Jugendlicher, der für eine lange Zeit in der Wohngemeinschaft Elom in Palermo untergebracht war (obwohl diese ein CPA* ist), um dann dort herausgenommen und in ein Zweitaufnahmezentrum in Licata, in der Provinz von Agrigento, gebracht zu werden, das weit entfernt vom Stadtzentrum liegt. B. verbringt den ganzen Tag im Bett und schickt uns täglich Videos und Tonaufnahmen von seiner Verzweiflung, seiner Isolation und seinem Gefühl, von allen und von allem verlassen worden zu sein. Im Zentrum gibt es keine Mediator*innen und keine angebrachte Professionalität, es wird die Security geschickt, wenn die Jugendlichen versuchen, ihre Rechte geltend zu machen. Auch an Weihnachten ist B. in seiner bitteren Einsamkeit im Bett geblieben.

Nichts zu feiern haben die Tunesier*innen, die aktuell in dem, was vom Hotspot von Lampedusa übriggeblieben ist, eingesperrt sind. Die Einrichtung ähnelt zurzeit eher einem CPR* als einem Hotspot. Völlig willkürlich werden Hunderte von Menschen bei kollektiven Abschiebungen zurückgeschickt. In Lampedusa werden den Tunesier*innen Aufforderungsbescheide zum Verlassen des Landes in die Hand gedrückt und diese sind gezwungen, in Erwartung eines Schiffes umherzustreifen, das sie ans Festland bringt. R. hat alles Mögliche versucht und hat sich mit Anderen im Lastwagen der Müllabfuhr versteckt und wäre fast erstickt. Auch er ist, wie B., Opfer eines absurden Systems.

Nichts zu feiern haben einige Frauen, die in den CAS* von Palermo und Provinz, von Balestrate bis Altavilla, untergebracht sind. Wir empfangen laufend SMS von F. und C., die in einem Frauen-CAS in Palermo untergebracht sind, in denen sie sich über fehlende Mediator*innen und professionelle Mitarbeiter*innen, wie Rechtsberater*innen, beklagen. Sie sind gezwungen mit der Kälte und der Feuchtigkeit zu leben, da die Gebäude nicht beheizt sind. Die Kleidung wird ihnen von Privatpersonen oder Vereinen gespendet. Das Recht auf Bildung wird ihnen gänzlich verwehrt und somit verschlimmert sich nur ihre Situation der Ausgrenzung und Schutzbedürftigkeit, dabei sind viele von ihnen Opfer von Menschenhandel. Auch G. ist ein schweigendes Opfer dieses Handels, der um Weihnachten nicht abnimmt. Im Gegenteil: sie hat uns erzählt, dass es in diesem Zeitraum sogar mehr Klienten gibt, die immer mehr verlangen. G hatte eine unbeabsichtigte Abtreibung, die Folge des x-ten Missbrauchs.

Nichts zu feiern haben auch I. und K., die abseits und in Schnee versunken in Baita del Faggio leben, sich selbst ausgeliefert. Sie beklagen sich permanent über die Kälte, weil die Heizungen nicht immer an sind, oft der Strom fehlt, und der Schnee den Rest dazugibt. „Wie kann man in diesem von Schnee bedeckten Wald leben? Wir können so nicht leben, wir sind immer alleine, uns wurden alle Rechte genommen, es gibt keine Heizung, es gibt keinen Strom und wenn wir versuchen, uns zu beschweren sagen uns die Verantwortlichen, dass sie uns aus Italien hinauswerfen lassen. Sie erpressen uns jeden Tag“.

Das CAS „Baita del Faggio“, in den Madonien

Diese Version bestreiten die Verantwortlichen von Baita del Faggio und Piano Torre teilweise, weil die Heizungen auf den Zimmern zu bestimmten Uhrzeiten angehen, während es in den Aufenthaltsräumen gasbetriebene Heizungen gibt (wenn die Gasflaschen aufgebraucht sind, braucht es einige Zeit, bis sie ersetzt werden). Jenseits der Widersprüche oder dessen, was die Wahrheit sein mag, ist die einzig sichere Tatsache, dass die Präfektur seit Jahren keine Entscheidung darüber trifft, wie mit Orten wie Baita del Faggio umzugehen ist, in denen es unmöglich ist, Menschen aufzunehmen. Im Gegenteil: sie hat weiterhin Eröffnungen von CAS an gottverlassenen Orten mitten in den Bergen zugelassen, von denen aus es aufgrund der Entfernung und des Zustands der zur Zeit eingeschneiten Straßen schwierig ist, arbeiten zu gehen. Natürlich fühlen sich die jungen Leute verlassen, und I. und K. haben von Weihnachten nichts gehabt, außer den Schnee und das Eis.

Nichts zu feiern haben auch die Jungs, die vor ein paar Tagen dem Tod entkommen sind, als es in dem Lager der unsichtbaren Arbeiter*innen von Campobello* (von denen wir in den letzten Monaten berichtet haben) zu einem Brand gekommen ist. T., A., E. und viele weitere sind dort geblieben und werden dort auch das ganze Jahr verweilen, um weiterhin ein bisschen Arbeit zu haben. Von den 1.800 Menschen sind nur einige Hundert dort geblieben und um sich aufzuwärmen und nicht zu erfrieren, haben sie riskiert an Weihnachten zu sterben, genau wie Ousmane vor ein paar Jahren. Und wenn sich die Geschichte mit dieser Dramatik wiederholt, heißt das, dass die Behörden für diese Toten verantwortlich sind. Aus purem Zufall hat die Gasflasche nicht angefangen zu brennen und so hat es keine Verletzten und Toten gegeben. Das sind junge Männer, die an Weihnachten alles verloren haben, von den Papieren bis zu ihrem verdienten Geld, und noch unsichtbarer geworden sind, während der Minister mit humanitären Korridoren prahlte.

Auch S., die junge Somalierin, hatte nichts zu feiern. Sie war aus Deutschland zurückgeschickt worden, weil sie weniger willkommen war als Syrer*innen. Sie ist zwei Tage vor Weihnachten in Palermo angekommen und hat einen Platz in einer Unterkunft der Caritas gefunden. Tagsüber läuft sie ziellos durch die Innenstadt. Sie würde gerne zurück nach Deutschland, wo ihr Verlobter auf sie wartet, aber sie kann nicht.

Jetzt, wo Weihnachten vorbei ist und wir bald das Jahr 2017 verabschieden, dürfen diese und viele weitere Unsichtbare wieder unsere Zeitungen füllen und wenigstens die Schlagzeilen in den Fernsehnachrichten wieder übernehmen, da im kommenden Wahlkampf mit den Migrant*innen spekulier werden wird wie eh und je.

Unseren Politiker*innen wünschen wir ein 2018 voll mit Situationen, die unsere unsichtbaren Freunde tagtäglich erleben. Wir wünschen ihnen, dass sie wenigstens eine Nacht in Baita del Faggio verbringen, dass sie ziellos in einer unserer Städte umherwandern, dass sie selbst Opfer ihrer eigenen Politik werden. Vielleicht könnte die Politik somit einen anderen Weg einschlagen, den Menschen ihre Würde und ihre Freiheit zurückgeben und den Verarmten und Opfern auf der „zivilen“ Seite der Erde unrecht erworbenes Gut zu erstatten.

Auch das Jahr 2017 neigt sich dem Ende zu und wir bereiten uns auf einen Neustart 2018 vor, davon überzeugt, dass wir früher oder später schreiben werden, dass I., S. und sehr viele andere endlich wie Menschen feiern können, wie freie Menschen.

Frohes neues Jahr.

Alberto Biondo
Borderline Sicilia

 

*UNHCR: United Nations High Kommissionär for Refugees

*Tribunale Permanente dei Popoli – siehe http://siciliamigrants.blogspot.de/2017/12/permanentes-volkertribunal-zur-bislang.html

*ius soli – Gesetz, das in Italien geborenen Kindern ausländischer Eltern die italienische Staatsbürgerschaft gibt. Mindestens ein Elternteil muss einen unbefristeten Aufenthaltstitel haben

*CPA Centro di Prima Accoglienza – Erstaufnahmezentrum

*CPR Centro di Permanenza e Rimpatrio – Abschiebezentrum (ex CIE Centro di Identificazione ed Espulsione)

*CAS Centro di Accoglienza Straordinario – Außerordentliches Aufnahmezentrum

*Baita del Faggio – geschlossenes Hotel in den sizilianischen Bergen der Madonien (auf ca. 1500 m Höhe, ca. 100 km von Palermo entfernt und ohne Auto unmöglich zu erreichen), beherbergt seit 2014 Migrant*innen

*Campobello di Mazara – Ortschaft in der Provinz von Trapani

 

Übersetzt von Antonia Cinquegrani

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