16 Mai 2017

Newsletter SICILIAMIGRANTS – April 2017

  • Schlechte Führung, verwehrte Rechte und Ausgrenzung: die größten Übel der sizilianischen Aufnahme
  • Unbegleitete Minderjährige auf der Flucht vor einem System “im Ausnahmezustand”
  • Weiter Anlandungen in Sizilien, während die Verhaftungen und Zurückweisungen weitergehen
  • Kriminalisierung der Rettungen auf dem Meer: Die NGOs im Auge des Sturms
  • Gabriele Del Grande wird in der Türkei festgehalten: Der Aufruf von Borderline Sicilia und die Initiativen zur Freilassung
  • News und Events: Reißt die Mauern ein. In Palermo Protestmarsch gegen Hotspots, das Minniti-Dekret und G7. In Catania findet das Gedenken der schwersten Katastrophe im Mittelmeer statt, um an alle Migrant*innen zu erinnern, die weiterhin im Meer sterben.
  • Informationen und Kontakt

SCHLECHTE FÜHRUNG, VERWEHRTE RECHTE UND AUSGRENZUNG: DIE GRÖSSTEN ÜBEL DER SIZILIANISCHEN AUFNAHME

Im Rahmen des Monitorings zweier Aufnahmeeinrichtungen in Marsala stellen wir wieder einmal ähnliche Probleme fest wie auch in anderen Zentren in der Region Trapani, angefangen mit der verlängerten Aufenthaltsdauer, auch im Fall der Erstaufnahmezentren. Mehr als die Hälfte der Bewohner*innen des CAS* „Borgo della Pace“ – hauptsächlich Menschen senegalesischer oder gambischer Herkunft – leben seit 2014 in der Einrichtung. Aber die langen Wartezeiten begünstigen das Verlassen der Einrichtungen auf eigene Faust der Migrant*innen. Dies geschieht auch in dem ehemaligen IPAB* „Giovanni XXIII“. Hier sorgt die unzureichende Anzahl an Mitarbeiter*innen, das Chaos, die Unordnung und die schlechten hygienischen Zustände dafür, dass viele es bevorzugen, auf der Straße zu leben.

http://siciliamigrants.blogspot.de/2017/04/begegnungen-und-begehungen-in-trapani.html

Mitte März griffen die Polizeikräfte wieder in Pian del Lago (Caltanissetta) ein, um das unter den Stützpfeilern der Bundesstraße 640 liegende Lager zu räumen, in dem Migrant*innen und Asylsuchende leben. Einige von ihnen wurden in Erstaufnahmezentren untergebracht, andere – die keine andere Möglichkeit hatten – sind noch in derselben Nacht unter die Straßenüberführung zurückgekehrt, um ihre Notunterkünfte wiederaufzubauen. Ein weiteres Mal nutzen die Institutionen die Räumungen als einzige Antwort auf das Problem der Migrant*innen, die gezwungen sind, auf der Straße zu leben.

http://siciliamigranti.blogspot.it/2017/04/dopo-lennesimo-sgombero-un.html

UNBEGLEITETE MINDERJÄHRIGE AUF DER FLUCHT VOR EINEM SYSTEM „IM AUSNAHMEZUSTAND“

Das Aufnahmesystem für unbegleitete minderjährige Geflüchtete beruht weiter auf der „Notfall“-Praxis, was zu verworrenen und festgefahrenen Situationen für die Zukunft der jungen Migrant*innen führt. Das Fehlen einer strukturierten Organisation verursacht eine systematische Verletzung der Grundrechte. Die unbegleiteten Minderjährigen werden in überfüllten Zentren aufgenommen, wo sie gezwungen sind teilweise monatelang entweder auf die Ernennung eines Tutoren oder auf das notwendige Verfahren für den Antrag auf internationalen Schutz zu warten. Viele verlassen die Einrichtungen und ihre Spur verliert sich in der Umgebung, sie verschwinden letztendlich in der Unsichtbarkeit und der Ausbeutung.

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/die-anlandung-in-messina-am-22-marz-und.html

http://siciliamigranti.blogspot.it/2017/04/centro-di-prima-accoglienza-per-minori.html

M., ein Siebzehnjähriger, der letztes Jahr in Pozzallo angekommen ist, hat beschlossen, aus Italien zu fliehen. Somit verlässt er ein Aufnahmesystem, in dem die wirtschaftlichen Interessen der Verwaltungsbehörden über dem Schutzbedürfnis minderjähriger Migrant*innen stehen, und in dem die Anzeigen gegen schlechte Führung und Vernachlässigung ins Leere gehen. Jetzt lebt er in Deutschland.

http://siciliamigrants.blogspot.de/2017/04/wir-durfen-nicht-stehen-bleiben-die.html

WEITER ANLANDUNGEN IN SIZILIEN, WÄHREND DIE VERHAFTUNGEN UND ZURÜCKWEISUNGEN WEITERGEHEN

Die Überlebenden der letzten Überfahrten sind fast alle in Sabratha in Libyen gestartet; sie sind ungefähr drei Tage unterwegs gewesen, bevor sie in Pozzallo, Augusta und Trapani angekommen sind. 433 haben den Hafen von Catania am Freitagmorgen, 7. April, an Bord der Aquarius erreicht; unter ihnen viele Frauen, die gegenüber dem Personal an Bord von Missbrauch, Gewalt und Misshandlungen gesprochen haben, die sie vor ihrer Anlandung erlitten haben. Mit jeder Bergung wiederholt sich das vertraute Szenario von der Verhaftung wenigstens eines „mutmaßlichen Schleusers“, der der Presse zum Fraß vorgeworfen wird. Und nicht mal die Zurückweisungen kennen eine Schonfrist – vor allem zu Lasten der Migrant*innen marokkanischen Ursprungs – die aufgefordert werden, Italien innerhalb von sieben Tagen über den Flughafen Rom Fiumicino zu verlassen.

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/neue-zuruckweisungen-festnahmen-und.html

KRIMINALISIERUNG DER RETTUNGEN AUF DEM MEER: DIE NGOs IM AUGE DES STURMS

Warum beginnt genau jetzt, etwa zwei Jahre nach den ersten Rettungsaktionen von Seiten der NGOs, diese Kampagne der Kriminalisierung von Rettungen auf dem Meer gegen sie? Und warum ausgerechnet von italienischer Seite? Die Gründe hinter den Angriffen auf die NGOs sind in der Entwicklung der europäischen und italienischen Politik zu suchen, dessen Ziel aktuell die Schließung der Mittelmeerroute ist. Dies war die Antwort, welche die Vertreter*innen von S.O.S. Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen während der Pressekonferenz gaben, die an Bord des Schiffes Aquarius in Catania abgehalten wurde.

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/angriff-gegen-ngos-warum-gerade-jetzt.html

Die Medienkampagne, mit der die auf dem Mittelmeer operierenden und Migrant*innen rettenden NGOs in Misskredit gebracht werden sollen, wurde von Frontex begonnen und hat sich zuletzt durch die Aussagen einiger Staatsanwälte und Vertreter*innen der Politik zugespitzt. Dies hat in Italien zu einer brennenden Diskussion geführt. Judith Gleitze (Borderline-europe/Borderline Sicilia) analysiert die Ursprünge und die tiefgehenden Gründe, indem sie die verschiedenen Standpunkte herausarbeitet, die diese Diskussion ins Leben gerufen haben.

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/sie-storen-das-ist-der-wahre-grund-der.html

Dennoch ist die Rolle der Nichtregierungsorganisationen weiterhin wichtig für das Retten von Menschenleben, in Anbetracht des völligen Desinteresses der europäischen Regierungen, die sich weigern, Rettungsfahrzeuge zur Verfügung zu stellen. Am Ostersonntag hat das Rettungsschiff Iuventa hunderte von Menschen an Bord genommen und so einen weiteren gravierenden Schiffsbruch verhindert.

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/am-ostersonntag-hat-europa-schaden-auf.html

8.360 Menschen wurden zwischen Freitag, dem 14. und Sonntag, dem 16. April 2017 gerettet. Das Netzwerk WatchTheMed Alarm Phone wurde in zwei Fällen miteinbezogen und konnte eigenhändig die völlige Unzulänglichkeit an Rettungsmitteln von Seiten der europäischen Behörden beobachten. Gleichzeitig konnte WatchTheMed den entscheidenden Beitrag der Nichtregierungsorganisationen feststellen, die Tote auf dem Meer verhindern.

https://alarmphone.org/de/2017/04/21/ein-todliches-rettungsvakuum/

GABRIELE DEL GRANDE WIRD IN DER TÜRKEI FESTGEHALTEN: DER AUFRUF VON BORDERLINE SICILIA UND DIE INITIATIVEN ZUR FREILASSUNG

Am 10. April wurde der italienische Journalist Gabriele del Grande in der Türkei verhaftet und in einem Haftzentrum für Ausländer*innen an der Grenze zu Syrien festgehalten. Nach neun Tagen in Isolationshaft, ohne mit einem Anwalt oder mit seiner Familie sprechen zu können, hat Del Grande einen Hungerstreik begonnen. Borderline Sicilia verbreitet einen Aufruf, in dem die sofortige Freilassung der Journalisten gefordert wird und Initiativen in Catania, Palermo und Agrigento vorstellt, und der Bitte Gabrieles und seiner Familie um Verbreitung nachkommt.

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/aufruf-fur-die-sofortige-freilassung.html

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/mobilisiert-euch-fur-mich-gabriele-del.html

http://siciliamigranti.blogspot.it/2017/04/iniziative-in-sicilia-sostegno-della.html

http://siciliamigranti.blogspot.it/2017/04/sit-in-ad-agrigento-per-la-liberazione.html

 

NEWS UND EVENTS: REIßT DIE MAUERN EIN. IN PALERMO PROTESTMARSCH GEGEN HOTSPOTS, DAS MINNITI-DEKRET UND G7. IN CATANIA FINDET DAS GEDENKEN DER SCHWERSTEN KATASTROPHE IM MITTELMEER STATT, UM AN ALLE MIGRANT*INNEN ZU ERINNERN, DIE WEITERHIN IM MEER STERBEN

Palermo sagt Nein zum präventiven und rassistischen Sicherheitsdenken in der neuen Migrationsgesetzgebung, Nein zu einem Hotspot und zu allen Orten, die Rechte verweigern, und Nein zur Strategie der globalen Kontrolle der G7-Staaten. Dies sind die drei Hauptpunkte der Demonstration „Abbattiamo i muri“ („Reißt die Mauern ein“) vom 20. April. Außerdem gefordert: die Freilassung aus dem CIE* des Universitätsangehörigen aus Marokko und des italienischen Journalisten in der Türkei.

http://siciliamigranti.blogspot.it/2017/04/abbattiamo-i-muri-palermo-corteo-contro.html

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/migrationsgesetze-und-hotspots.html

In der Nacht vom 17. auf den 18. April 2015 haben 800 Menschen ihr Leben in dem seit der Nachkriegszeit folgenschwersten Schiffsbruch im zentralen Mittelmeer verloren. Am Morgen des 18. April 2017 haben das Antirassistische Netz Catania und andere Bürger*innen mit einer symbolischen Geste und einer Schweigeminute der vielen Vermissten von vor zwei Jahren gedacht.

http://siciliamigrants.blogspot.fr/2017/04/zur-erinnerung-die-schwerste.html

INFORMATIONEN UND KONTAKT
Für weitere Informationen zu Spenden an Borderline Sizilia Onlus – Banca Etica Popolare di Palermo Agenzia di Via Catania, 24 IBAN IT 28 Q 0501804600000000141148 Codice BIC CCRTIT2T84A – und Neuigkeiten zur Lage in Sizilien, besuchen Sie unseren Blog.

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*CAS – Centro di accoglienza straordinaria: außerordentliches Aufnahmezentrum

* IPAB – Istituto pubblico di assistenza e benessere: italienische öffentliche Einrichtung der Wohlfahrt und Unterstützung

*CIE – Centro di Identificazione ed Espulsione: Abschiebungshaft

Übersetzung aus dem Italienischen von Moira-Lou Kröll

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