4 Juni 2018

Newsletter BORDERLINESICILIA – Mai 2018

  • Die Folgen der Abkommen zwischen Italien und Libyen dies- und jenseits des Meeres
  • Libyen. Ein Land, zwei Geschichten
  • Ein chronisch gewordener Ausnahmezustand
  • Die Bedeutung guter Praktiken

DIE FOLGEN DER ABKOMMEN ZWISCHEN ITALIEN UND LIBYEN DIES- UND JENSEITS DES MEERES

105 Menschen, die vom Schiff Astral – unter britischer Flagge – der Proactiva OpenArms gerettet wurden, waren zwischen Sonntag dem 6. und Dienstag dem 8. Mai 2018 im Mittelmeer blockiert und warteten auf die Genehmigung zum Schiffswechsel und auf die Angabe eines sicheren Hafens. Die Schiffbrüchigen, die nach der Rettung bei immer schlimmer werdenden hygienischen und sanitären Bedingungen drei Tage lang auf See blieben, mussten die Folgen der langsamen Reaktionsfähigkeit und der fehlenden Koordinierung der Seenotrettungsstellen (MRCC) in Rom und London tragen. Dass die Koordination der Seenotrettungsoperationen weiterhin schlecht gelingt, ist auf die Politik der Externalisierung der Grenzen zurückzuführen, deren Ziel es ist, Geflüchtetenankünfte in Italien und Europa einzuschränken. Dieses Jahr bedeutete das im Mittelmeer auch eine Zunahme der Todesfälle auf See sowie mangelnde Sicherheit der Rettungsoperationen. In Italien fand ein regelrechter Wettbewerb statt, um sich jede*n einzelne*n Geflüchtete*n zu sichern: Da die Ankünfte abnahmen, wurden die Migrant*innen zu einer “umkämpften Ware”, die für Institutionen und Genossenschaften, die aus der Migration ein Geschäft machen, eine Einkommensquelle darstellte.
https://www.borderlinesicilia.org/de/105-auf-der-flucht-gerettete-personen/
https://www.borderlinesicilia.org/de/wir-errichten-mauern-und-schlagen-kapital-aus-den-migrantinnen/

LIBYEN. EIN LAND, ZWEI GESCHICHTEN

Im letzten Maiwochenende landeten 2500 Menschen auf den sizilianischen Küsten, so viele, wie es schon lange nicht mehr der Fall war. Der sanitäre und psychologische Zustand der Geflüchteten, die aus Libyen kamen und auf See gerettet wurden, war katastrophal: Auch dieses Mal wurden Folter und Verstümmelungen gemeldet sowie zunehmend Fälle schwerer Unterernährung. Die Zeug*innenberichte der letzten Jahre, aber auch der letzten Tage, widersprechen eindeutig dem Bild Libyens, das die Institutionen während der Konferenz des 21. Mai bei der Ortygia Business School in Siracusa der Zivilgesellschaft vorsetzten. Die Lügen bezüglich der libyschen Zustände sind ein weiteres Zeichen davon, dass es der Politik egal ist, was mit diesen Menschen geschieht: Solange sie in Libyen sind, betrachtet man sie als bloße Nummern, die man opfern muss, um die “Invasion” zu stoppen; in Italien werden sie dann zu Eindringlingen, d.h. zu weiteren Nummern, die kontrolliert und verteilt gehören, und die, wenn sie einmal auf den italienischen Küsten landen, nach dem Kriterium ihrer Nationalität unterschieden werden.
https://www.borderlinesicilia.org/la-sporca-propaganda-sulla-libia/
https://www.borderlinesicilia.org/de/fuer-wenige-stimmen-verscherbelt/

  EIN CHRONISCH GEWORDENER AUSNAHMEZUSTAND

Obwohl die Situation wohlbekannt und der Mechanismus fest etabliert ist, verursacht die Arbeit in der Landwirtschaft jedes Jahr “Ausnahmezustände”, denen die Behörden jedesmal unvorbereitet gegenüberstehen. Im Umfeld von Cassibile, in der Provinz von Syrakus, entstand auf einem Privatgrundstück eine Barackensiedlung, die von Migrant*innen bewohnt wird, die als Saisonarbeiter*innen in der Landwirtschaft tätig sind. 79 erwachsene “Bewohner*innen”, zum Großteil afrikanischer Herkunft und mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung, wohnen in einem unzumutbaren hygienischen und materiellen Zustand. Obwohl es die Behörden zur Kenntnis nahmen, scheint eine anständige Wohnsituation, die diese seit Jahren unveränderte Dynamik wenigstens ein bisschen bessern könnte, noch sehr weit entfernt: Im Gegenteil, die Zeit vergeht und diese und ähnliche Situationen werden normalisiert, bis sie zu etablierten Praktiken werden, die keinen mehr empören, weil wir uns an Unmenschlichkeit und Gewalt gewöhnt haben.
https://www.borderlinesicilia.org/de/die-barackensiedlung-von-cassibile/
https://www.borderlinesicilia.org/de/alles-uebliche-vorgehensweisen/

DIE BEDEUTUNG GUTER PRAKTIKEN

In einem immer unmenschlicher werdenden Asyl- und Aufnahmesystem und in einer von Rassismus und Intoleranz geprägten gesellschaftlichen Atmosphäre, ist es wichtig, positive Aufnahmebeispiele und solche gesellschaftlicher Offenheit hervorzuheben. In der von der Genossenschaft Passwork geleiteten Aufnahmeeinrichtung (SPRAR) für Frauen und Familien mit psychischen Erkrankungen “Obioma” in Canicattini Bagni bestehen Initiativen zur Integration in Gesellschaft und Arbeitswelt, die, gemeinsam mit dem korrekten Erbringen von Dienstleistungen in der Einrichtung selbst, die Emanzipation und die Selbstständigkeit der Empfängerinnen fördern.
https://www.borderlinesicilia.org/de/ausnahmsweise-ein-gutes-beispiel/

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