16 Mai 2019

Mit Würde aufnehmen und aufgenommen werden

Palermo wird als die italienische Hauptstadt der Aufnahme bezeichnet. Diese Auszeichnung wurde ihr zuerkannt dank ihres Rufes als Stadt des Melting-Pots und dank des Bürgermeisters Orlando, der sich mehrmals nachdrücklich gegen das politische System der rechtsextremen Salvini-Regierung gestellt hat.

Das Schiff Vos Thalassa legt am Hafen Palermos an (Archivfoto)

Aber was bedeutet Aufnahme? Aufnahme für wen? Aufnahme wo? Der Hafen von Palermo wurde zum offenen Hafen erklärt: Wer vom Meer aus ankommt, der wird aufgenommen, der darf anlanden. Aber was geschieht nach der Anlandung? Die Migrant*innen, Neu-Angekommene, werden in das bürokratische System der örtlichen Aufnahme hineinkommen und werden mit der tatsächlichen Realität Palermos rechnen müssen.

Als Sozialarbeiterin bin ich überzeugt, dass es für die Migrant*innen in bestimmter Weise weniger schmerzhaft ist in Palermo zu leben, z.B. auf kultureller Ebene. Wir sind eine einladende Bevölkerung, unsere Stadt ist leicht zu durchqueren, die Preise sind noch moderat und es gibt Märkte unter freiem Himmel, mit denen sich Migrant*innen aller Herkünfte identifizieren.

Aber Aufnahme bedeutet nicht, über Märkte zu schlendern oder durch das historische Zentrum zu spazieren. Aufnahme besteht aus besonders Schutzbedürftigen, und aus Problemen sozialer, politischer, ökonomischer und gesundheitlicher Art. Darüber hinaus besteht Aufnahme aus den Menschen in den Zentren, die aufnehmen, die dazu bestimmt sind, Migrant*innen zu beherbergen, die auf den Asylantrag warten oder schon im Besitz einer Aufenthaltsgenehmigung sind. Erzieher*innen, Kulturmediator*innen, Psycholog*innen, Lehrer*innen für Italienisch als Fremdsprache. Dies sind die professionellen Kräfte, die zur Gruppe der Berufstätigen in der Aufnahme gehören. Also, es gibt Menschen, die aufgenommen werden und solche, die aufnehmen, zwei soziale Gruppen, die in einer Wirklichkeit leben, die alles andere als rosig ist.

In den letzten Jahren waren, in Palermo und der gleichnamigen Provinz, die Mitarbeiter*innen in der Aufnahme der Migrant*innen und die Bewohner*innen dieser Zentren die Hauptakteure im großen Debakel der Sozialarbeit. Das Hauptproblem, das seit langem Betreiber*innen,Leiter*innen, Sozialarbeiter*innen und Bewohner*innen quält, liegt in den Geldern, die dazu bestimmt sind, den Zentren das Angebot an Dienstleistungen für die beherbergten Migrant*innen und die Sozialarbeiter*innen, die dort arbeiten, zu finanzieren. Gelder, die aus den Kassen der Gemeinde und der Präfektur stammen, den öffentlichen Einrichtungen, die die Brücke bilden zwischen den privaten Betreibergesellschaften der Gemeinschaften und den Geldern, die vom Ministerium kommen. Die Problematik der Zahlungen an die Betreibergesellschaften und die verzögerten Bezahlungen der abhängig Beschäftigten hat in den vergangenen zwei Jahren ein Klima der Spannung geschaffen, die nur der verstehen kann, der die alltäglichen prekären Lebensverhältnissen der Mitarbeiter*innen und der Bewohner*innen der Aufnahmezentren erlebt.

Und es liegt nicht unbedingt an dem Sicherheitsdekret, dass die Bewohner*innen der Zentren und die in der Aufnahme Tätigen begonnen haben, auf ein mangelhaftes oder nichtexistentes Dienstleistungsangebot und eine konstante Verunsicherung ihres ohnehin schon unsicheren Lebens zu treffen. Die normativen Neuerungen haben aber die Pathologie des Systems zum Gesetz gemacht und institutionalisiert.

Die Verzögerungen der Zahlungen, unter denen die Gemeinschaften der ersten und zweiten Aufnahme, sei es für minderjährige unbegleitete Ausländer*innen oder Erwachsene leiden, sind nach der Aussage der Betreibergesellschaften der schlechten Verwaltung der Gelder geschuldet und folglich der Zahlungen vonseiten der Kommune und des Ordnungsamtes.

Wir haben daher daran gedacht, die Kommune und das Ordnungsamt hinsichtlich dieser Dinge zu befragen. Die Situation ist in der Tat nicht rosig. Das rechtfertigt aber nicht die Einschnitte bei den ausgebildeten Fachkräften, die in den Einrichtungen notwendig sind, wie Kulturmittler*innen und Psycholog*innen und schon gar nicht das Fehlen der Qualifikation bei vielen Sozialarbeiter*innen. Diese werden eingestellt, weil sie bereit sind, die schlechtesten Arbeitsbedingungen zu akzeptieren und die Augen davor zu verschließen, wie man sich in den Zentren verschleißt und was zum Schaden der Bewohner*innen geschieht.

Die Verzögerungen der Zahlungen, die mangelnde Klarheit seitens der Betreiber der Zentren, die rechtswidrigen Verabredungen seitens der zuständigen Behörden, die auf jeden Fall Kenntnis haben von den Problemen, die die Mitarbeitenden an ihren Arbeitsstellen erleben: dies alles bewirkt, dass die Mitarbeiter*innen kein Vertrauen in das Aufnahmesystem haben, Situationen fortgesetzter Verletzlichkeit erleben und ihre Funktionen nicht in angemessener und fachlicher Weise ausüben können. Dies alles verursacht außerdem einen fortwährenden Konflikt im Inneren der Gemeinschaft, in der die Arbeiter*innen und Bewohner*innen ihren Alltag verbringen.

Dieser Mangel an Klarheit vonseiten der zuständigen Behörden, ein Mangel, der sich auch im fehlenden Dialog mit den Sozialarbeiter*innen zeigt, der Konflikt mit den Betreibern und der tägliche Stress, diktiert von dem Typ der Arbeit, die die Sozialarbeiter*innen ausüben, tragen nur dazu bei, dass ihre Frustration und Wut ansteigen. Das zwingt sie zu entscheiden, ob sie weiter machen. Dabei sind sie oft unschlüssig zwischen der Furcht, ihre ganze Arbeit zu verlieren, die sie in der Gemeinschaft geleistet haben und der Angst, ihren eigenen Arbeitgeber*innen entgegentreten zu müssen und sie in die Enge zu treiben. Denn auch wenn die Berufung groß ist, auch die Sozialarbeiter*innen haben private Lebensbereiche, in denen sie Miete zahlen, Dinge des Grundbedarfs einkaufen, Familie haben. Sie sind Menschen. Und mit der Würde der Menschen treibt man keine Scherze. Würde, die mit Nachdruck eingefordert wird in der heiklen Frage der den Nutzer*innen der Gemeinschaft angebotenen Dienstleistungen.

Die Betreiber berufen sich auf die fehlenden Gelder und entscheiden dann, die Kosten in der Einrichtung zu senken und das Personal noch tiefer in unsichere Lebensbedingungen zu stürzen. Dazu benutzen sie Vertragsformen am Rande der Legalität. So treten sie dem neuen Modell Salvini bei, das die Aufnahmezentren zu reinen Schlafstätten machen will. Ohne Dienstleistungen, mit frustrierten Mitarbeit*innen, wenig vorbereitet und dürftig motiviert. Mit aufgebrachten Bewohner*innen, die mit wenig Zuversicht in die Zukunft blicken.
Ist das also das berühmte Modell der Aufnahme der Stadt Palermo, so sehr gerühmt von Nord bis Süd, von Ost bis West und über die Grenzen Italiens hinaus?

Aufnahme kann und darf nicht eine Parole bleiben. Sie muss ein politischer Wille sein, der die Würde derjenigen, die in der Aufnahme arbeiten und derjenigen, die aufgenommen werden wertschätzt. Es reicht nicht zu sagen: Das ist die Schuld Salvinis, denn all das geschieht schon seit Jahren.

Die Menschen, die in unserer Stadt ankommen, haben vor allem das Bedürfnis, ein würdiges Leben zu beginnen. Darüber hinaus werden diese Personen in ad-hoc Einrichtungen aufgenommen, wo Menschen, Profis in ihrem Sektor, sich um sie kümmern und sie auf ihrem Weg Richtung Selbständigkeit auf die bestmögliche Art begleiten möchten. Ist dies nicht vielleicht eine Arbeit, die es nötig hat, dass man ihr die Würde zurückgibt?

Giulia di Carlo
Sozialarbeiterin

Übersetzung aus dem Italienischen von Rainer Grueber

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