17 Oktober 2019

Migrant*innen, die Leichen am Meeresgrund und die sicheren Fluchtwege, die es noch nicht gibt

Redattoresociale.it – Die neueste Tragödie, die die schwarze Liste der Todesfälle auf See in diesem Jahr erweitert, hat die Debatte über die gefährlichste Fluchtroute der Welt, die des zentralen Mittelmeers, wieder eröffnet. Aber bis heute gibt es keine echte Alternative. Der Appell von Moas: „Den Mut zu haben, humanitäre Korridore zu schaffen, um weitere Todesfälle zu vermeiden“.

Foto: UNHCR

ROM – Sie fanden sie umarmt am Meeresgrund: Mutter und Sohn hatten Tunesien verlassen, um nach Sizilien und Europa zu gelangen, aber sie haben es nicht geschafft. Das Boot, auf dem sie reisten, ging am 7. Oktober dieses Jahres unter. Berichten zufolge befanden sich auf dem Schiff mindestens 50 Menschen eingepfercht auf zehn Metern. 22 von ihnen wurden von der italienischen Küstenwache gerettet, während 12 weitere Leichen vor zwei Tagen in den Wassertiefen vor Lampedusa gefunden wurden. Die neueste Tragödie, die die schwarze Liste der Todesfälle auf See in diesem Jahr erweitert, hat die Debatte über die gefährlichste Fluchtroute der Welt, nämlich die des zentralen Mittelmeers, wiedereröffnet. Laut dem jüngsten Bericht vom UNHCR kamen zwischen Januar und September 2019 rund 87.000 Menschen auf den Mittelmeerrouten nach Europa – ein Rückgang im Vergleich zu den 102.700 Menschen, die im gleichen Zeitraum im Jahr 2018 angekommen waren. Mehr als tausend Menschen haben bei dem Versuch der Überquerung ihr Leben verloren. „Der Menschenhandel wird nicht durch Grenzen verhindert, sondern durch sichere und legale Fluchtwege, auf See im Mittelmeer, in der Ägäis, in Bangladesch und an anderen Orten der Welt“, betont Regina Catrambone, Mitbegründerin und Leiterin von Moas, der ersten NGO, die 2014 mit einem humanitären Schiff Seenotrettung geleistet hat. „Seit wir 2014 angefangen haben, haben wir stets gesagt: Der einzige Weg, um dieses stille Massaker aufzuhalten, sind legale und sichere Fluchtwege – erklärt sie Redattore Sociale. 19.000 Menschen kamen zwischen dem 3. Oktober 2013 und dem 30. September 2019 ums Leben beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Wie viele Menschen müssen noch sterben, bevor dieses Massaker beendet wird?“

Laut Catrambone können die Migrationsströme nicht aufgehalten werden. „Wir können versuchen, sie zu steuern – sagt sie – aber sie können nicht gestoppt werden, sonst wird es ein Kampf gegen Windmühlen sein. Heute arbeiten die Institutionen nicht mehr mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, während Menschenhändler*innen gut miteinander zusammenarbeiten. Wir müssen die Arbeit von hier aus wieder aufnehmen: von jener Koordinierung zwischen NGOs, Küstenwache und allen Akteur*innen auf See, die wir 2014 mit Mare Nostrum und Mare Sicuro geschaffen hatten.“ Was in der Türkei und in Syrien passiert, wird laut der Gründerin von Moas zu neuen Vertriebenen führen: „Der Krieg verbessert nichts, im Gegenteil, er verschlimmert die Situation. Im Jahr 2019 haben wir sowohl die Lage in Libyen als auch im Mittelmeerraum erkannt und dokumentiert. Heute fahren wir mit Versuchen fort: Es war klar, dass das Malta-Abkommen keine dauerhafte Gültigkeit behalten würde, da es sich dabei um ein Pufferabkommen handelt, um zu vermeiden, dass Menschen auf einem Schiff festsitzen. Die Wahrheit ist, dass wir heute Mut brauchen: Wir brauchen legale und sichere Wege durch humanitäre Korridore, private Sponsor*innen für Studienvisa, Evakuierungen aus Libyen und Wiedereingliederungen. „Safe and legal route“ ist die Kampagne, die wir vor Jahren gestartet haben, denn angesichts der Grausamkeiten des Meeres, die wir von Anfang an gesehen haben, reicht die Seenotrettung nicht aus. Wir müssen uns auch mit dem Einsatz von Lufttechnik koordinieren, um Menschen zu retten, aber heute müssen wir mehr denn je die sichere Alternative verwirklichen, um weitere tragische Todesfälle zu vermeiden.“

© Copyright Redattore Sociale
Aus dem Italienischen übersetzt von Francesca Barp
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