3 Oktober 2016

Kanonenfutter

Ich sitze an einem Tisch mit zwei Angestellten eines CAS* in Trapani. Wir reden über einige Probleme, die sich in den Zentren eingeschlichen haben, nicht nur in dem Trapanis. Wir werfen einen Blick auf mögliche praktische Lösungen und auf die Analyse, die in diesem Zusammenhang mit ihrer ganzen Härte zu Tage tritt: „Sie sind Kanonenfutter, die Erwachsenen und die Minderjährigen, die Frauen und Männer, vielerorts gibt es ihnen gegenüber keinerlei Aufmerksamkeit, von den Institutionen bis hin zu den gestressten und überforderten Angestellten. Vorfälle, die dem Stress geschuldet sind, bei denen die Schuldigen immer die Migrant*innen sind und immer die gleichen Protagonist*innen zu bezahlen haben. Angestellte, die sich immer weiter von den Bedürfnissen der Leute entfernen, da sie nicht bezahlt werden und oft keine Antworten auf die drängenden Fragen der Migrant*innen haben, die durch den Fleischwolf gedreht werden, ohne Möglichkeit, unversehrt aus der Sache herauszukommen.“

Ähnliche Situationen, zu viele Parallelen, die die Verschlechterung eines Systems verdeutlichen, das schon von an Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Aus diesem Grund hören einige gute Angestellte mit der Zeit auf, ebenso werden einige gute Praktiken eingestellt, da die Basis nicht solide ist, da das System auf unsere Bedürfnisse (Lohn, Arbeitsplätze, soziale Sicherheit) und nicht auf die der Migrant*innen (Aufnahme, Interaktion, Zweckmäßigkeit) abgestimmt ist.

Um die Stimmung wiederzugeben, greifen wir die Worte unseres Freundes Francesco auf, des Ansprechpartners des Projekts „Mediterranean Hope di Lampedusa“: „In diesem Sommer sahen wir, wie diese beiden Linien zusammenliefen, wir sahen, wie die Migrant*innen im Meer zusammen mit den Tourist*innen badeten, ohne dass das der lokalen Wirtschaft geschadet hätte, trotz der Angst einiger, dass das geschehen könnte. Wir sahen, wie sie auf der vollen Via Roma flanierten, wie sie mit den Tourist*innen auf den Bänken sprachen, mit ihnen über die Fußball-Europameisterschaft diskutierten. Bis vor einigen Wochen fiel die Touristensaison, die in diesem Jahr ein Rekordsaison auf der Insel war, mit der Toleranz gegenüber Migrant*innen zusammen, wenigstens derer, die den Hotspot verlassen konnten. Viele der jugendlichen Migrant*innen kamen in unser Büro wegen einer Wohnung oder um ins Internet zu gehen und warteten im Park vor unserem Sitz, ohne, dass das, irgendein Problem verursacht hätte. In diesen Monaten konnten wir feststellen, dass diejenigen, die über das Meer kommen, um ein besseres Leben zu suchen, dem Tourismus nicht schaden. Wir hatten die Gelegenheit zu verstehen, dass es für diese Jugendlichen nicht einfach ist, den Wartezustand innerhalb eines Hotspots wie jenem in Lampedusa auszuhalten, wie es wohl für niemanden von uns einfach wäre. Jetzt sehen wir sie nicht mehr durch den Ort gehen, ohne dass wir den Grund dafür wirklich verstehen können, aber wir wissen, dass es Gründe gibt und dass sie darauf warten, eine noch ungewisse Reise fortsetzen zu können.“

Viele Leute auf Lampedusa haben den deutlichen Eindruck, dass diese Menschen nicht mehr rausgehen, weil sie regelmäßig und schnell wie nie zuvor weitergeleitet werden.
Am 31. August dieses Jahres kamen 1200 Migrant*innen auf der Insel an. Dies hatte den Zusammenbruch des Zentrums zur Folge, auch weil es Ende August in zwei Hallen des Hotspots, eine davon war die Halle für Minderjährige, gebrannt hat und sie bis heute nicht wieder in Betrieb sind. So erfolgte der Transport seit diesem Tag zusätzlich zur Linienfähre mit dem Tragflügelboot und soll sich in den letzten Tagen, kurz vor dem 3. Oktober, weiter intensiviert haben.
Heute begehen wir den „nationalen Gedenktag für die Opfer der Immigration“ und auf der Insel, auf die jetzt die Scheinwerfer gerichtet sind, muss alles sauber und ordentlich sein. Aber nicht nur deswegen. In den nächsten Tagen kommen die Gäste des „Prix Italia“ (der älteste Rundfunk- und Fernsehpreis der Rai) und mit ihnen weitere Kameras, Politiker*innen, rote Teppiche und manch ein*e Migrant*in wird sicher vom Fernsehen benutzt werden, um zu sagen, wie gut wir sind.

Im Hotspot der Insel sind im Moment ungefähr 200 Personen untergebracht, darunter jede Menge Minderjährige (männliche und weibliche), ohne jegliche Geschlechtertrennung. Unter ihnen 48 Eritreer*innen, die am Sonntagabend in sehr schlechter gesundheitlicher Verfassung angekommen sind, körperlich geschwächt und psychisch mitgenommen, wahrscheinlich auch aufgrund der zunehmend dramatischen Bedingungen, unter denen sie gezwungenermaßen in Libyen leben, bevor sie nach Italien gehen. Die Durchschnittsdauer des Aufenthalts im Zentrum von Lampedusa scheint neuerdings kürzer geworden zu sein, aber im Moment werden Personen unrechtmäßig seit ungefähr einem Monat im Hotspot festgehalten.

Wie Antoine-Laurent de Lavoisier lehrt, „nichts entsteht und nichts vergeht“: die andauernden Ankünfte der Tragflügelboote und der Fährboote aus Lampedusa lassen das Hub von Villa Sikania in Überfüllung ertrinken. Es leert sich regelmäßig dank des freiwilligen Weggangs vieler dort untergebrachter Migrant*innen. Es sind vor allem Eritreer*innn, die weggehen – man sieht sie auf der Nationalstraße, die von Siculiana nach Agrigento führt, – resigniert oder entmutigt von den sehr langen Wartezeiten, die durch den Aktenvorgang der Verlegung, der nie funktioniert hat, bedingt sind: zum Teil mehr als 9 Monate in einem zermürbenden Zustand der Unsicherheit

Der Fleischwolf des Aufnahmesystems wird dann entsetzlich, wenn die Familien, die Paare, denen es gelingt, unversehrt die Wüste, Libyen und das Meer zu durchqueren, bei der Ankunft in den sizilianischen Häfen wegen eines Fehlers der Präfektur oder des Polizeipräsidiums getrennt werden, und das Warten noch härter wird und oft nicht zu ertragen ist. Vergangene Woche hat eine junge eritreische Mutter ihr ganzes Unglück durch Selbstverletzungen zum Ausdruck gebracht, da sie seit zu langer Zeit darauf wartet, wieder mit ihrem Mann zusammenzukommen.

Wie oft wurde angezeigt, dass das System auch Minderjährige nicht verschont. Der Schwebezustand wird zur Hölle, wenn sie volljährig werden und in ein CAS kommen, in dem die Stimmung noch feindlicher wird. So laufen sie weg, oft mittellos, auf der Suche nach einem besseren Leben. Ein System, das keine Abwehrkräfte gegen Ineffizienz hat und zusammenbricht: Das neueste Problem stellen die jungen Erwachsenen in den Einrichtungen für Minderjährige dar. Es sind ungefähr 20% in der Erstaufnahme, in der Gemeinschaftsunterkunft und in anderen Notaufnahmezentren, in denen Minderjährige und junge Erwachsene zum Zusammenleben gezwungen sind. Dies geht oft mit großen Spannungen einher, da die Minderjährigen, auch wenn sie im gleichen Zentrum oder in der gleichen Gemeinschaft wohnen, von den Kommunen auf eine bestimmte Art behandelt werden, während die jungen Erwachsenen von Seiten der Präfekturen auf eine andere Art behandelt werden – sie sollten eigentlich in eine andere Einrichtung gebracht werden, aber es gibt keine Plätze und so bleiben sie für kürzere oder längere Zeit in den Einrichtungen für Minderjährige. Solche Situationen lassen Konflikte unter den Jugendlichen entstehen, und zwischen ihnen und den Angestellten, Konflikte, die im mildesten Fall zu Unverständnis führen, oft aber zu Protesten und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die letzte Etappe dieser Ungerechtigkeiten ist die Flucht. Sonntag vor zwei Wochen haben wir auf der Autobahn von Palermo nach Trapani 4 junge Eritreerinnen aufgefunden, die offenbar ziellos herumirrten und wir meldeten sie den Ordnungskräften. Aber auch die Unterkünfte der Zone, in der sie gesichtet wurden und bei denen wir nachgefragt haben, ob sie Minderjährige „verloren“ haben, antworteten in vielen Fällen „aber was können wir denn tun“.

Leider sind die Migrant*innen zunehmend in Gefahr, der „Grund für unser Übel“ zu werden und der nationalen Politik der Ausgrenzung und der Ausbeutung ausgeliefert zu sein, eben wie wir es in einer Bar in Trapani gehört haben, lediglich Kanonenfutter zu sein.

Alberto Biondo

Borderline Sicilia

*CAS – Centro di accoglienza straordinaria, außerordentliches Aufnahmezentrum

Übersetzung aus dem Italienischen von Jutta Wohllaib

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