24 Juli 2016

Geflüchtete Kinder leben allein auf den Straßen Siziliens nachdem sie ihr Leben im Mittelmeer riskiert hatten

By Meltingpot.org

„Ahmed!, Ahmed!, Ahmed!“. Eine keuchende Stimme erschallt am anderen Ende des Platzes und mit einem Domino-Effekt weckt sie alle, die in der Gegend sich ausruhten. Sie stehen auf und versuchen nervös den Glücklichen auszumachen und wiederholen ehrfürchtig seinen Namen. Derjenige der schreit, hat ein Handy in der Hand, Ahmed (ein erfundener Name) springt auf von der Bank und rennt hin zu diesem Menschen, um ein in der italienischen Stadt Catania sehr wertvolles Geschenk entgegen zu nehmen: einen Anruf aus einem anderen europäischen Land.

Ein Minderjähriger aus Äthiopien zeigt Fotos von Freunden und Verwandten, die in Sudan Äthiopien, Schweden und Deutschland Zuflucht gefunden haben
Foto von Gabriela Sanchez

Er klemmt sich das Handy ans Ohr und hört zu; er lächelt. Am anderen Ende der Leitung ist seine Schwester; sie ruft aus Schweden an. Ahmed kommt aus Eritrea und hat die italienische Insel vor einem Monat erreicht, nachdem er das Mittelmeer in einem Plastikboot überquert hatte; nachdem er Wochen der Angst, der Misshandlungen und der Gefangenschaft in Lybien ausgehalten hatte; nachdem er die Wüste in Sudan und Äthiopien auf einem Pick-Up-Wagen ohne Wasser und ohne genügend Essen durchquert hatte. Ahmed ist in etwa 12 Jahre alt und ist Tausende von Kilometern alleine, ohne seine Familie, gereist.
Das Kind lebt zusammen mit weiteren 15 Leuten – die Meisten aus Eritrea, Kinder und Erwachsenen – in der Nähe des Hauptbahnhofs von Catania, der ein Treffpunkt für diejenigen geworden ist, die zuerst Sizilien und dann Italien verlassen wollen. Sie versuchen in dieser Gegend zu überleben und genug Geld zusammen zu tragen, um ihre Reise fortzusetzen und ihr eigentliches Ziel zu erreichen: Nordeuropa.
Sie haben weder Essen noch Trinkwasser; sie haben weder Wechselkleidung noch ein Obdach. Sie leben von der Hilfe verschiedener Organisationen und NGOs, deren Mitarbeiter ab und zu hierhin kommen, um belegte Brötchen, Kleidung und Hygieneartikel zu verteilen. Die Meisten haben sich für ein Leben auf der Straße entschieden, weil sie Angst haben, dass, wenn sie sich zu lange in einem Aufnahmezentrum aufhalten, dann gezwungen werden, dort für immer zu bleiben. Für sie ist Italien nur eine Station auf ihrer Reise, die eigentlichen Ziele heißen Deutschland, Holland oder Schweden.
Die Meisten fliehen aus Eritrea, einem Staat, der laut einem neulich erschienenen Bericht der Vereinten Nationen „systematisch Menschenrechtsverletzungen begeht“. „Da gibt es keine Freiheit. Die gibt es dort nicht. Ich bin geflohen, weil ich in Freiheit leben will“, fasst Kabede zusammen (ein weiterer Fantasiename), 16 Jahre alt, während er auf dem Rasen des Platzes liegt. So kam es, dass er in ein mit Menschen überfülltes Plastikboot einstieg und dort stundenlang, die ganze Nacht ausharrte mit einem seiner Füße im Wasser des Mittelmeers. So hat er seinen Weg weitergeführt, ungeachtet des Leidens, ungeachtet der Schüsse in Lybien, ungeachtet der Tatsache, dass er zwei Mitreisende hat sterben sehen, deren Körper einfach in der Sahara-Wüste zurückgelassen wurden. „Sie sind verdurstet oder verhungert“.
Jetzt benötigen sie 38 €, um die Fahrkarte nach Rom zu kaufen, der erste Schritt dieser neuen Endphase ihrer Migration. Viele hoffen, dass ihre Familien ihnen das Geld schicken werden. „Um internationalen Geldtransfer zu tätigen, so wie es in der Praxis passiert, brauchen sie Papiere und müssen volljährig sein. Daher sind sie sehr oft gezwungen, sich an Mittelmänner zu wenden, die häufig Geld als Gegenleistung verlangen. Es ist sehr schwer festzustellen, ob der Geldgeber wirklich ein Familienmitglied ist, oder aber ein Schleuser, bei dem sich der Migrant letztendlich verschuldet“, behauptet Andrea Bottazzi, ein Mitarbeiter des Oxfam Italia Projektes „Open Europe“. „Andere waschen Autos, um an das Geld zu kommen. Sie verdienen fünf Euro pro Auto, so dass sie nicht allzu lange brauchen, um das Geld zusammen zu haben!“.
Ahmeds Taschen sind voll mit zerknitterten Papierstückchen, voll mit Telefonnummern, wie die, die er ununterbrochen aufschreibt, während er noch mit seiner Schwester telefoniert. „Die eritreische Gemeinde in Europa ist sehr stark und die ist gut vernetzt. Auf ihrer Reise gibt es verschiedene Stellen, an denen die Migrant*innen mit den Schleusern in Kontakt kommen“, sagte uns Bottazzi.
Manche Telefonnummern sind von Menschen, die ihnen unterwegs helfen könnten. Unter manchen anderen, mit internationalen europäischen Vorwahlen, verbergen sich Gyrman, der Bruder von Abdul, der in Holland wohnt, oder Fatima, die aus dem Sudan fragt, wie es ihrem Bruder Sami geht, oder eine Mutter, die aus Eritrea wissen will, wo ihr Sohn lebt. Und das Kind, das den ganzen Tag auf dem Platz lebt, vermeidet ihr die Details seiner Situation zu erzählen, und sagt nur „Ich bin in Catania“.
Oxfam Intermon und andere lokalen Vereine schätzen, dass im Laufe des Jahres 2016 ca. 20% mehr unbegleitete Kinder in Italien angekommen sind. Laut UNHCR sind fast 17% der 79.851 Menschen, die in diesem Jahr Italien durch das Mittelmeer erreicht haben, Minderjährige.
Sie haben Angst, dass sie in Italien bleiben müssen, weil sie minderjährig sind.
Wenn sie nach ihrem Alter gefragt werden, antworten alle gleich. “Ich bin 16 Jahre alt“, antwortet Sami dreist am Bahnhofvorplatz. Hingegen sein kleiner Körper, sein Gesicht, sein schmaler Rücken verraten, dass er vermutlich erst 12 Jahre alt ist. Seine Augen verraten ihn, sein Blick drückt die Unschuld seines Alters aus und aber gleichzeitig auch das Misstrauen, als Folge der schweren Bürde Erinnerungen, die mit seiner Körpergröße nicht zusammenpassen wollen.
Er ist nicht der Einzige. Alle sagen, dass sie zwischen 16 und 17 Jahre alt sind. Sie sagen es mit Überzeugung und wiederholen die Antwort, bis die Frage nicht mehr gestellt wird. „Uns wurde gesagt, dass die ganz kleinen Kinder, die Zwölf- oder Dreizehnjährigen in Zentren gesteckt werden und von dort nicht mehr weggehen können. Und die Volljährigen kommen in Zentren, die vollkommen abseits sind und wo es nichts zu tun gibt“, erzählt uns einer von ihnen, der vermutlich nicht mehr so klein ist.
„Alle Kinder, die jünger als 16 Jahre sind, müssen zur Schule gehen und deswegen stehen sie mehr unter Kontrolle. Andererseits, wenn sie volljährig sind, müssen sie sich bei der Ankunft registrieren lassen und ihre Fingerabdrücke abgeben und deswegen, wenn sie in ein anderes europäischen Land gehen und dort aufgegriffen werden, können sie nach dem Dubliner Abkommen zurück nach Italien geschickt werden. Die unbegleiteten Minderjährigen hingegen sind nicht von dieser Verordnung betroffen und können bleiben, wo auch immer sie hingegangen sind“ erklärt uns Oxfam Italia.
„Wir klären euch über eure Rechte auf, so dass ihr eure Entscheidungen freiheraus treffen könnt“
Einigen bleiben auf dem Platz und versuchen, Italien zu verlassen, aber nicht alle tun es deswegen. Andere bleiben hier, weil sie keinen anderen Ort haben, wohin sie gehen können. Um diese Menschen ausfindig zu machen, bereist eine mobile Einheit von Oxfam Italia Sizilien auf der Suche nach Neuankömmlingen, die aus den Maschen des Erstaufnahme-Systems aufgrund möglicher Unregelmäßigkeiten in den Registrierungszentren (hotspot) heraus gefallen sind.

Andrea Bottazzi (Oxfam Italia) spricht mit einigen eritreischen Minderjährigen am Bahnhof von Catania
Foto von Gabriela Sanchez

“Die Mehrheit der Menschen, die ich auf der Straße getroffen habe, gehen nicht in die Zentren, weil sie Italien verlassen wollen, aber wir haben auch welche getroffen, die Asyl beantragen wollten und draußen gelassen wurden, bevor sie den Antrag hatten stellen können“, ergänzt er. Es sind uns Fälle von Geflüchteten bekannt, die verloren und orientierungslos auf der Straße lebten, weil sie nicht wussten, dass sie das Recht haben, in ein Zentrum zu gehen und dort Schutz zu beantragen.
Am Bahnhofsvorplatz von Catania zeigt uns Mechal (Fantasiename) ängstlich seine Papiere. Er versteht nicht ganz die Bedeutung der Papiere, die er mit extremer Sorgfalt in einem Umschlag aufbewahrt, den er nicht aus den Augen lässt. Eine Mitarbeiterin des Vereins Borderline Sicilia, der mit Oxfam Italia zusammenarbeitet, beruhigt ihn und erklärt ihm den Inhalt der Papiere und klärt ihn über seine Rechte in Italien auf. „Obschon sie schon in den Erstaufnahmezentren über ihre Rechten aufgeklärt hätten werden sollen, viele kennen ihre Rechte nicht. Wir geben ihnen die notwendigen Informationen, damit sie aus freien Stücken entscheiden können, ob sie hier bleiben oder doch lieber weggehen wollen“, ergänzt der Verantwortliche der mobilen Einheit von Oxfam.
„Als ich gerettet wurde, ging es mir schlecht, ich hatte Kopfschmerzen und fühlte mich unwohl“
Mechal will seinen Bruder in Frankreich erreichen. Der junge Äthiopier ist nicht wie die Kleinen, die nicht zu klein sein wollen, und auch nicht wie die Älteren, die nicht zu alt sein wollen. Er zeigt uns seine Papiere, die ihn als 23-jährigen ausweisen. In erster Linie tut er das, weil er das Bedürfnis zu haben scheint, den Menschen, die um ihm herum sind, zu erzählen, dass er, nachdem der Hafen von Catania erreicht und das Mittelmeer aus Ägypten kommend durchquert wurden, in ein psychiatrischen Krankenhaus eingewiesen wurde, wo er 8 Tage lang festgehalten wurde. „Ich war nicht ich selbst! Ich weiß nicht, was mit mir geschah, mir ging es wirklich schlecht. Mein Kopf schmerzte….“ Bedauert Mechal. „Ich war nicht ich selbst“ wiederholt er, auf einer Bank vor dem Bahnhof sitzend.

Äthiopische Minderjährigen auf der Straße auf Sizilien
Foto von Gabriela Sanchez

Auf einem zerschlissenen Sofa in der Mitte des Platzes sitzend, erzählt er uns, dass die Überquerung von Ägypten nach Sizilien zwei Wochen gedauert hat. „In diesen 15 Tagen war da nur das Meer, das weite Meer, nur das weite Meer“. Das ist die letzte von vielen Erinnerungen, die sich in seinem Kopf tummeln. Um seine Reise zu erklären, um sicher zu gehen, dass er keine Details auslässt, bittet er um Stift und Papier.
Er zeichnet Äthiopien auf, die Hauptstadt dient ihm als Anhaltspunkt, aber seine Reise begann im Süden des Landes. „Von hier, wo ich lebte, erreichte ich Addis Adeba zu Fuß“, beschreibt der Junge seine Reise. Er setzt seine Erzählung fort und zeichnet den Sudan und Ägypten.
Die intensive Hitze der italienischen Insel ermatten die Kinder, die stundenlang auf diesem Vorplatz auf dem Rasen liegend ausharren in der Erwartung eines Anrufes, einer Facebook-Nachricht, einer Geldüberweisung oder der Almosen von einem der vielen TouristInnen, die jeden Tag durch den Bahnhof gehen. Eins der kleineren Kinder des Lagers nähert sich plötzlich dem Proserpina Brunnen, das Becken, das in der Mitte des Platzes thront. Er bückt sich über das stehende Wasser, füllt eine Flasche auf und trinkt. „Es ist Wasser, es ist heißt hier und das ist alles, was wir haben….“, sagt er mit einem resignierten Lächeln.
Die Nacht bricht ein und langsam leert sich der Platz. Mechal und seine zwei Freunde aus Äthiopien stehen auf und fangen an, in den Straßen in der Nähe nach einem Schlafplatz zu suchen. Unterwegs erklären sie die Gründe ihrer Flucht aus Äthiopien. „Dort konnte ich nicht zur Schule gehen, dort gibt es keine Zukunft“, erklärt Abdul (ein weiterer Fantasiename). „Ich will ein gutes Leben führen und Ingenieurwissenschaft studieren“, ergänzt Mechal. Sie halten bei einer Ampel an, bevor sie den endgültigen Platz erreichen, wo sie diese Nacht schlafen werden. Hier ziehen sie es vor, sich von uns zu verabschieden. „Wir werden hier in der Nähe schlafen, egal wo, wir haben sowieso kein Geld“, sagen sie und sind verlegen.
Wie jeden Abend werden sie auch heute Abend mit dem gleichen Gedanken einschlafen, mit dem gleichen Wunsch: Möge die Verabschiedungsfloskel „Bis Morgen“ sich in ein wahrhaftiges „Lebewohl“ verwandeln!
„Wir sehen uns Morgen in Rom!“.
Gabriela Sanchez

Aus dem Italienischen übersetzt von Antonella Monteggia

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