21 Juli 2018

Für eine andere Welt. Schluss mit den Toten im Mittelmeer.

Ein Mittelmeer des Todes

Evangelische Waldenserkirche von Catania
Christliche evangelische Baptistengemeinde von Catania (Via Capuana)

Seit Beginn des Jahres haben mehr als 1400 Menschen bei dem Versuch, Europa über das Meer zu erreichen, ihr Leben verloren. Ein Massensterben, das hätte vermieden werden können, wenn legale Kanäle für die Immigration eingerichtet worden wären und wenn man nicht auf europäischer Ebene ein generelles Wiederaufflammen der Rückweisungspolitik feststellen müsste.

Pein und Entrüstung

Als Bürger*innen dieses Landes, mehr noch als Menschen, die an Gott glauben, der sich in Jesus Christus offenbart hat, sind wir nicht nur gepeinigt durch den Tod jeder Migrantin und jedes Migranten. Wir sind auch entrüstet über die Verrohung des nationalen politischen Diskurses im Hinblick auf Immigrationsfragen und auf den Machtmissbrauch eines Innenministers, der das internationale Recht missachtet und der, ohne jegliche Debatte oder parlamentarischen Beschluss, politische Maßnahmen der Schließung in Gang setzt.

Komplexe Ursachen

Wir sind uns der Komplexität des Migrationsphänomens bewusst. Deshalb können wir jedoch nicht die Augen davor verschließen. Dagegen erkennen wir, dass es nicht die Immigration ist, die bekämpft werden muss, sondern jeder Prozess, der zu Klimaveränderungen führt und jede Politik, die voller Ungerechtigkeiten ist, die Armut produzieren, Krieg, Umweltkatastrophen und wirtschaftliche Ausbeutung.

Unsere Anklage

Wir klagen die Ausbeutung der Ressourcen der sogenannten armen oder sich entwickelnden Länder durch die sogenannten Industrienationen des Westens und Asiens an.

Wir bezeugen als Bürger*innen eines westlichen Landes unsere Verantwortung für die Bereicherung unserer Länder. Diese geschieht durch

– Handel mit Waffen

– eine Außenpolitik, die in vielen Ländern Bürgerkriege nährt, zweckdienlich für Bündnisse, die unseren Interessen dienen

– Wirtschaftliche Einmischung, die in jenen Ländern die Korruption in der öffentlichen Verwaltung und den Anstieg der Staatsverschuldung fördert, anstatt die volle Entwicklung einer freien und selbstbestimmten Wirtschaft auf lokaler Ebene zu ermöglichen

– Die Regeln eines globalen Wirtschaftsmarktes, die alte und aufstrebende Mächte begünstigen und den Profit vergötteren zum Vorteil weniger und zum Nachteil des Rechts auf Leben und auf Wohlergehen von Millionen von Menschen.

Wir fordern eine radikale Kurswende

Diese komplexen Phänomene, die nicht sofort gelöst werden können, verlangen nach einer globalen, langfristigen Umwandlung und Erkenntnis.

Wir fordern folglich eine Kurswende, indem wir über unseren Verstand hinausgehen und uns selbst und die Wirklichkeit von einem neuen und innovativen Standpunkt aus sehen. Das und nicht weniger verlangen wir von der italienischen, europäischen und internationalen Politik.

Wir appellieren an die Einzelnen nicht stillschweigend die Propaganda zu dulden, die als Ursache für die „gegenwärtigen Übel“ die Auswirkungen von Verantwortlichkeiten benennt, die man nicht denen in die Schuhe schieben kann, die dafür den höchsten Preis zahlen.

Als Glaubende

Wir bekennen, dass der Glaube an den gekreuzigten Jesus Christus nicht darin besteht, aus einem Götzenbild aus Holz das Sinnbild der eigenen nationalen Identität zu machen sondern darin, die Schmerzensschreie der gekreuzigten Menschen unserer Zeit zu hören.

Wir bekräftigen mit den Worten des Pastors Martin Luther King J., dass „jede Religion, die bekennt, an der menschlichen Seele interessiert zu sein, sich aber nicht beunruhigt über die Elendsquartiere, in denen sie verdammt sind zu leben, über die wirtschaftlichen Verhältnisse, die sie erdrosseln, die sozialen Verhältnisse, die sie demütigen, ist eine Religion, trocken wir Staub.“

Wir bekräftigen schließlich, dass eine andere Welt möglich ist. Uns von Gott versprochen, ist sie schon am Werk: Es ist das Erbe, das demjenigen gegeben wird, der heute in Schmerz, im Hunger, in Verfolgung lebt.

Catania, den 20. Juli 2018

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Rainer Grüber

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