16 Juni 2015

Ein Land mit vielen Hindernissen

In Luxemburg hat gestern das Treffen der Europäischen Innenministern stattgefunden. Es ging um die neuen Politiken bezüglich Immigration, auch in Anbetracht der Vorschlägen der Europäischen Kommission und im Hinblick auf den Gipfel, der Ende des Monats in Brüssel stattfinden wird. Anhand der ersten Informationen kann man sagen, dass beim Treffen entschieden wurde, die sogenannten “hotspots“ zu forcieren, jene Identifizierungs- und Verteilungsknoten für ankommende Migranten, die dadurch noch einfacher zurückgeschickt werden können. Diese Entscheidung spiegelt das überhitzte Klima der letzten Tagen wieder, voll mit Erklärungen und Vorschlägen seitens der institutionellen Politik, die oft eine verfälschte Sprache ohne jede historische Dimension benutzen, um ihre Meinung bezüglich der schweren Situation der Migranten, die sich an die Grenzen Europas ansammeln, kund zu tun.
Erst vor ein paar Stunden haben wir die Nachricht bekommen, dass einige der aus Eritrea, Somalia und Mali stammenden Migranten, die seit Tagen an der Grenze zwischen Ventimiglia und Frankreich ausharrten, nach Zusammenstößen mit der Polizei das Gelände räumen mussten und zum Bahnhof umgezogen sind und jetzt dort warten.
http://www.rainews.it/dl/rainews/articoli/Immigrazione-a-Ventimiglia-sgombero-dei-migranti-dagli-scogli-Vertice-a-Lussemburgo-ab672a44-73b9-4633-8301-301df37d1a53.html.
Und während Frankreich die Grenzen dicht macht und die italienische Regierung wieder den Vorschlag von zeitlich begrenzten humanitären Visa ins Gespräch bringt, nur um den Migranten zu ermöglichen auf einfachere und ruhigere Art Italien zu verlassen, bejubeln viele neugewählte Bürgermeister in Norditalien, die der Lega angehören ihren Wahlsieg. Genau in diesen Tagen haben die wenigen Wähler, die zu den Urnen gegangen sind, ihre Stimmen denjenigen gegeben, die ihren Wahlkampf auf Sicherheit und der Notwendigkeit der Rückführung der Migranten aufgebaut haben. In den Migranten sehen sie die einzige Ursache der verbreiteten Mikrokriminalität und den Hauptgrund, warum die ehrlichen italienischen Arbeitern es so schwer haben, heutzutage eine Arbeit zu finden. So wieder einmal haben viele vorgezogen, sich keine Fragen zu stellen, wo die wahre Ursachen der Krise liegen oder Fragen über die Situation in den Ländern aus denen die Flüchtlinge kommen; Ländern, von denen sie sehr wahrscheinlich nicht Mal die Namen kennen.
Wenn man die Zeitungen liest, bekommt man den Eindruck, einem traurigen Austausch-Spiel zuzuschauen, in dem die wenigen, die mitspielen dürfen, sich mächtig anstrengen, um diese Menge an Man-Power nach ihrem Gutdünken untereinander aufzuteilen. Tausende von Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt ausgenutzt werden können, und Tausende von Menschen, die als Schreckensbild den immer mehr unkritisch werdenden Massen präsentiert werden können. Und ich sage das hier nicht mit Zynismus, sondern nach einer reifen Untersuchung der täglichen Vorkommnissen in unserem Land. Dem Land, in dem scheinheilig immer noch von einem „Notstand“ gesprochen wird, wenn über die Ankünfte der Flüchtlingen gesprochen wird, wohingegen die Migration schon einen strukturellen Charakter angenommen hat und das einzige, das an Notfall erinnert, ist die sogenannte Aufnahmemaschinerie ist. Ein Land, das immerfort seine Aufnahmebereitschaft kundtut und damit prahlt und aber nicht damit aufhört Mauern und Hindernisse aufzubauen. 
Wir können diese Tatsache schon aus Sizilien feststellen, wo die Migranten direkt nach der Ankunft in der Falle sitzen: Sie können nur zwischen einem jahrelang andauernden Aufenthalt, in der Hoffnung auf Papiere und einer immer riskanter werdenden Weiter-Flucht wählen. In Catania gibt es heute immer noch Hunderte von Migranten auf der Flucht, die nachdem sie angelandet sind, die Zwangsumräumungen umgehen und sich am Bahnhof oder auf dem Platz der Republik sammeln. Hier treffen sie sich mit Landsmännern, die schon seit Monaten oder Jahren hier sind, und es trotzdem nicht geschafft haben, einen Teil des Systems zu werden und jetzt nur dadurch überleben können, dass sie die einzigen, die noch schwächer sind als sie, ausnutzen. Auch die „organisierten“ Reise Richtung Norden haben in den letzten Tagen aufgrund der Schließung der Grenzen wegen des G7-Gipfels in Deutschland eine jähe Unterbrechung erfahren. So zum Beispiel wissen wir, dass die Flüchtlinge, die Deutschland zu erreichen versuchen, von der Polizei am Brenner zurückgeschickt werden, teilweise sogar auf brutaler Art. Sie müssen zurück nach Rom, wo die Situation immer explosiver wird ( http://www.redattore.sociale.it/Notiziario/Articolo/485694/Tiburtina-oltre-100-persone-nella-tendopoli-allestita-dalla-Croce-rossa) oder nach Mailand, obwohl sie teilweise gültige Tickets haben.
In Mailand treffe ich wieder A, einen Jungen aus Eritrea, den ich vor einigen Wochen vor dem Bahnhof in Catania kennenlernte, und der in gebrochenem Englisch uns versuchte zu erklären, warum er unbedingt nach Deutschland wollte. Zusammen mit Dutzenden von Migranten ist A am Brenner gestoppt und zurück nach Mailand geschickt worden, wo er jetzt auf dem nächsten Zug wartet. In der Zwischenzeit hat es angefangen zu regnen und zusammen mit A suchen wir Zuflucht unter die Überdachung eines nahegelegenen Geschäfts, das bis zum Bersten voll ist mit Touristen auf ihren Weg zur EXPO, und dort erreicht uns B, ein Junge aus Nigeria, der mir über Mineo erzählt, weil er dort die letzten 11 Monaten verbracht hat, bevor er versuchte zu fliehen. „Ich bin aus Mineo geflohen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, nichts zu tun. Das einzige, was mir geblieben war, war die Arbeit auf den Feldern und oft wurde die nicht mal entlohnt. Und ich bin sehr sauer, weil ich laut Gesetz arbeiten darf, und immer noch nicht meine Aufenthaltsgenehmigung bekommen habe“. B hat ein Diplom in Rechtswissenschaft und hat sogar einige Jahr als Lehrer gearbeitet, bevor er aus Nigeria floh. Neben Englisch spricht er weitere 5 Sprachen, darunter aber nicht die Italienische. „In Deutschland leben Verwandte und daher habe ich mir gedacht, dass es besser wäre, in ihrer Nähe zu sein, weil ich mich auf sie verlassen kann“. Und so beim Reden mit ihnen nehmen die Hindernisse, auch die weniger bekannte und institutionalisierte als die Grenzen, Form an: alle Hindernisse, die das Leben eines Migranten oder eines Asylbewerbers in Italien erschweren. Hindernisse, mehr oder weniger sichtbar, für die auf Sizilien gelandeten Flüchtlinge, wie die Entfernung zwischen dem Cara* Mineo, aber auch jedem anderen Cara* und den Städten. Sprachliche Hindernisse, aber auch Hindernisse, die aus Verdächtigungen und Misstrauen erwachsen und die oft die Beziehungen zwischen den Migranten und den verschiedenen an dem Aufnahmeprozess Mitwirkenden charakterisieren. Und somit wird das schon asymmetrische Verhältnis zwischen Italienern und nicht Italienern, zwischen denjenigen, die die Migranten und Flüchtlingen betreuen und versorgen und denjenigen, die ihnen, „die zum Dank verpflichtet sind“ nur erlauben zu überleben, ohne darüber hinaus etwas anzubieten noch schiefer. Und in all dieser Misere werden die verschiedenartigen Bedürfnisse der Ankömmlinge, und sogar ihre Pflichten total vernachlässigt und die wichtige Arbeit, die von denjenigen geleistet wird, die tagtäglich mit den Migranten arbeiten, und das oft sogar ohne Vergütung, wird entpolitisiert: und so werden Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt, seit dem klar wurde, dass es reicht die Situation als Notfall zu deklarieren, um Geschäfte daraus zu machen und Geld mit der Wohlfahrt zu verdienen.
Das Schmierfett, das dieses ganze System rund laufen lässt, ist oft eine große Angst, die ganz gezielt von einigen, die komplett eigennützig handeln, geschürt wird und die nur durch eine kontinuierliche, gesellschaftliche und kulturelle Arbeit abgebaut werden kann. Diese Arbeit wird jetzt schon von etlichen einfachen Bürgern, Mitarbeitern von Organisationen oder Fachleuten geleistet, aber die Arbeit wir noch nicht richtig wahrgenommen. Es gibt Leute, die das Leben der Migranten kennen und mit leben und dadurch gelernt haben, dass durch die Migranten die Gelegenheit besteht, zu erfahren, dass das System, dessen Teil wir auch sind, schädlich ist, heute für die Migranten und vielleicht schon morgen auch für uns. In dem wir unser Leben mit ihnen teilen, wird uns klar, wie kurzsichtig und letztendlich dumm ist, unsererseits weiter in der Angst zu leben, unsere Handlungen und Politikidee nicht zu überdenken und infolge dessen, eine bessere Gesellschaft für uns alle aufzubauen. 
Lucia Borghi

Borderline Sicilia Onlus


*Cara: Aufnahmezentrum für Asylsuchende

Aus dem Italienischen übersetzt von Antonella Monteggia

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