20 Februar 2016

Die zunehmend militarisierte Aufnahme in Pozzallo

Die heutige ist die zweite Ankunft in Pozzallo innerhalb von vier Tagen. Am Mittwoch den 17. Januar hatten 367 Migrant*innen an Bord des Marineschiffes Cigala Fulgosi den Hafen erreicht, heute sind es 105 Menschen, auf dem in die Frontexmission Triton eingebundenen, norwegischen Schiff Siem Pilot.
Ungeachtet ihrer Ankunft an Bord eines Militärschiffes, oder an Bord von Booten, die an Rettungs- und Kontrolloperationen beteiligt sind, treffen die Migrant*innen unmittelbar auf die weniger bekannt gemachten, dafür aber umso resoluteren und strukturierteren Elemente des sogenannten „Aufnahmesystems“ sprich auf die Kontroll-, Verteilungs- und Militarisierungsapparate.
Heute Morgen haben 63 Männer, 28 Frauen und 14 Minderjährige, aus vorrangig subsaharischen Ländern, sowie Ägypten, Somalia und Eritrea, Pozzallo erreicht. Auch heute, unmittelbar nach Betreten des Festlandes, bestand ihre erste Begegnung aus Durchsuchungen und Kontrollen der Polizei und des Frontexpersonals. Letzteren steht also die erste Kontaktaufnahme mit diesen erschöpften Menschen zu, und nicht den Vertretern des UNHCR*, OIM* oder Save the Children, welche erst im Bus, auf dem Weg zu den nahegelegenen Hotspots, die Gelegenheit bekommen mit den Neuankömmlingen zu sprechen.
Einige Geflüchtete werden bereits an der Laderampe aufwändig befragt, während andere häufig von der Gruppe getrennt, sich auf den Boden setzten müssen. Der Wind weht stark und kalt, doch die Hauptsorge der Beamten ist es, Informationen zu sammeln, die persönlichen Angaben und Daten der Neuankömmlinge zu erlangen sowie sie einzuordnen, anstatt ihnen, nach einer lebensgefährliche Reise, die Möglichkeit zu geben sich zu beruhigen.
Während der Ausschiffung ist es den Migrant*innen noch nicht einmal erlaubt ein Bad aufzusuchen, zumal es noch immer keine öffentlichen Toiletten nahe der Laderampe gibt. “Fehlendes Geld,” lautet die Begründung, wir jedoch glauben, dass dies auf eine nach wie vor gleichgültige Haltung zurückzuführen ist, welche immer mehr unmenschliche Züge annimmt. Die Ausschiffungsprozeduren können mehr als vier, fünf Stunden dauern und die Situation verändert sich nicht. Einige Migrant*innen berichten uns, dass sie bei der Ankunft folgendes gefragt wurden: “Willst Du eine Zukunft in Italien? Dann sag uns, wer das Schiff gesteuert hat.” Haben diese Menschen einmal ausgesagt, finden sie sich oftmals, nach Monaten des Wartens in Unsicherheit und Verwirrung, auf der Straße wieder, ohne zu wissen wie sie überleben sollen. Gleichzeitig geht die Suche nach mutmaßlichen Schleppern, die auch Minderjährige einbezieht, weiter, auch wenn man nach und nach feststellt, dass die Mehrheit der Festgehaltenen nicht die wirklichen Organisator*innen der Reisen sind, aber Menschen, die unter Todesandrohung, oder aus schlichter Not dazu gezwungen sind, die Boote zu navigieren.
Das was wir heute sehen, steht in perfektem Einklang mit den Entscheidungen Italiens und der Europäischen Festung, die blutige Diktaturen unterstützten und Waffen an Kriegsparteien liefern, um anschließend auf obengenannte Weise über jene zu “regieren”, welche versuchen dieser Hölle zu entfliehen. Auch die Fliehenden werden in diskriminierende und ausgrenzende Kategorien unterteilt, was wiederum neue Gewalt fördert. So wird einigen, wenigen Schutz im Rahmen gut institutionalisierter und vorgegebener Kanäle sowie die Möglichkeit sich ein Leben aufzubauen, während der Großteil dieser Menschen den Ausgestoßenen und Unerwünschten zugeteilt wird.

Lucia Borghi
Borderline Sicilia Onlus

*UNHCR:UN-Hochkommissariat für Geflüchtete
*IOM: Internationale Organisation für Migration

Aus dem Italienischen von Giulia Coda