22 Dezember 2019

Die Produktionsstätte der Unsichtbarkeit und der sozialen Not

„Wir sehen uns jetzt zum letzten Mal, ich schäme mich zutiefst für das, was ich gemacht habe und für das, was sie mir antun, ich habe meine Würde verloren. Ich schäme mich. Es tut mir leid, aber ich muss jetzt woanders hin gehen, da ich nicht wie ein Tier ohne Mitgefühl werden möchte, ich muss es für mein Kind machen, für dessen Heilung ich Geld brauche.“

Foto di Silvia Di Meo

Das sind die Worte von Anuar, einem 38-jährigen tunesischen Ingenieur, der seit vier Jahren in Sizilien ist mit dem einzigen Ziel, eine Arbeit zu finden, um so viel Geld wie möglich zu verdienen und so seinen Sohn heilen zu können, der an einer seltenen Krankheit leidet. Anuar hatte eine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen und verlor diesen Status vor ungefähr fünf Monaten.

Ich habe Anuar zufällig am Bahnhof kennen gelernt und jedes Mal, wenn ich ihn traf, fragte er mich nach einer Arbeit für ihn.

Schließlich hat er dem Druck nachgegeben und angefangen zu dealen. Aber nach drei Tagen bereute er es und beschloss, Palermo zu verlassen: „Ich kann keine Jugendlichen töten, um das Leben meines eigenen Sohnes zu retten. Ich muss eine andere Arbeit finden und das muss ich weit weg von dieser Stadt, die mich aller Dinge beraubt hat, auch meiner Werte. Mein Sohn könnte nie stolz auf mich sein.“

Anuar dreht sich mit gesenktem Blick um, und ohne mir die Hand zu geben geht er weg. Von da an wurde er ein „Phantom“, eines der vielen, die in Palermo, Sizilien, Italien und Europa unterwegs sind.

Wie Souleiman, der seine Aufenthaltsgenehmigung aus humanitären Gründen erneuern wollen würde, es aber nicht mehr machen kann aufgrund eines Gesetzes, das dieses Recht abgeschafft hat.

Wie Marie, Kindermädchen bei einer wohlhabenden Familie in Trapani, die genau überlegte, mit ihr einen Vertrag über nur ein paar Stunden zu machen angesichts der Unmengen Arbeit, die sie zu leisten hat. Auch sie wird bald unsichtbar werden und noch leichter auszubeuten sein.

Wie Lamin, junger Gambier, der ein Praktikum in einem bekannten palermitanischen Restaurant machte und Tag und Nacht arbeitete, mit dem Versprechen auf einen Vertrag. Aber der Umsatz war nicht so, wie es sich die Arbeitgeber erhofft hatten und so wurde er vor die Tür gesetzt mit einer auslaufenden Aufenthaltsgenehmigung. Gerade erst volljährig sieht er, wie sich sein Traum von einer eigenen Familie in Luft auflöst.

Ähnliche Geschichten, Folgen eines kriminellen Gesetzes, Folgen einer Inhumanität, die immer mehr Unsichtbare auf der Straße zur Folge haben wird, wie es bei Anuar, Souleiman, Marie und Lamin der Fall ist.

 

Das zusammengebrochene Aufnahmesystem

Zu diesen ungerechten Gesetzen kommt die Praxis, die das Aufnahmesystem immer unzulänglicher werden lässt, auch im Hinblick auf die, die einen Schiffbruch überlebt haben und dabei Freunde und Verwandte haben sterben sehen, die ohne jede psychologische Unterstützung allein gelassen werden, die deswegen lieber ihre Reise fortsetzen und auf Aufnahme zu verzichten.

Aufnahmen und Verlegungen, die dem perversen Mechanismus folgen, nach dem Menschen wie Möbelstücke ohne jegliches Kriterium umgesetzt werden. Wie schon bei den vorangegangenen übereilten Verlegungen von Lampedusa, um einen aufzugebenden Hotspot zu leeren, haben die Präfekturen diejenigen verlegt, die in den Zentren von Palermo, Caltanissetta und Enna waren, um für die Platz zu machen, die aus Lampedusa ankamen. Die Menschen, die über ein minimales Unterstützernetz verfügen, wollen die Zentren nicht verlassen, um an einen Ort zu gehen, den sie nicht kennen. Folglich verlassen sie in vielen Fällen das Aufnahmelager und bleiben vor Ort, jedoch ohne festen Wohnsitz.

Wir fragen uns, was die Logik dieser Praxis sein soll. Warum sollen die Asylsuchenden, die seit Monaten in den CAS sind, umgesiedelt werden, um den Personen, die gerade erst angekommen sind, Platz zu machen? Und warum werden diese Umsiedlungen erst 24 Stunden vorher mitgeteilt?

Wir bekamen noch keine Antwort auf diese Fragen, aber wir vermuten, dass es die gewöhnliche sein wird, nämlich „Anordnung aus Rom“.

Dann gibt es noch die Kooperativen, denen es nicht gelingt weiterzumachen und die die Aufnahme auf ein Minimum reduzieren, wie uns Bewohner des CAS „San Francesco“ in Palermo – das von Badia Grande verwaltet wird und jetzt geschlossen ist – mitgeteilt haben: Sie bekamen kein Taschengeld. Und in Folge der Schließung wurden die Familien, die dort untergebracht waren, in das CAS „Mercurio“ verlegt, das von der Kooperative Umana Solidarietà verwaltet wird, das jedoch nicht für eine geeignete Unterbringung von Familien mit Kindern ausgerüstet ist, was zu neuen Protesten gegenüber der Präfektur führte. Von der Schließung der CAS waren auch die Zentren „Villafrati“ und „Pozzo di Giacobbe“ in Palermo betroffen, deren Bewohner nach Trabia überstellt wurden, wo ein CAS wiedereröffnet wurde, das von der Kooperative „Nuove Generazioni“ verwaltet wird, was zu weiterer Entwurzelung führte.

Bezüglich der Aufnahme durch die Präfektur stellt die letzte Neuigkeit die Einführung eines Identitätscodes dar, der jedem Asylbewerber zugeteilt wird und eines Badges, der abgestempelt werden muss, um die Anwesenheit im Aufnahmezentrum zu bestätigen. Wir konnten schon feststellen, dass so ein System, eingeführt im CARA von Mineo, nur zu einer Zunahme der Aufhebungen der Aufnahme und zur Ausbreitung von Betrügereien und Schwarzmarkt führt. Da die Angestellten nur im Inneren der Einrichtung den Badge abstempeln können, werden darüber hinaus die Begleitungen nach draußen schwieriger oder auch die Leistungen, die außerhalb des Zentrums erteilt werden, wie z.B. die Vermittlung im Krankenhaus, in das eine im CAS untergebrachte Person eingewiesen wird. So werden einerseits die minimalen Dienstleistungen drastisch beschnitten, indem deren Ausübung fast unmöglich gemacht wird, andererseits wird das Kontrollsystem noch mächtiger.

Missbrauch und Schikanen kommen auch in vielen Zentren für Minderjährige vor, in denen die Betreiber angesichts der fehlenden Gelder durch die Kommunen den Bedürfnissen der Bewohner*innen nicht nachkommen und keine Leistungen zahlen, was die Jugendlichen dazu bringt wegzugehen.

Und schließlich, um dieses Weihnachtsfest noch makabrer zu machen, kam gestern das letzte Geschenk mit dem beschämenden Rundschreiben des Servizio Centrale, das alle Menschen, die über einen humanitären Schutzstatus verfügen, auffordert, die SPRAR/SIPROMI bis zum 31. Dezember zu verlassen. Unter ihnen Kinder und viele Schutzbedürftige, die die Zahl der Menschen auf der Straße noch erhöhen werden.

Und während viele Gerichte weiterhin die Verfassungsgrundsätze durchsetzen – wie das Gerichtsentscheid des Gerichts in Rom, laut dem Ausweisungen illegal sind – setzen die Politiker ihre rassistische und diskriminierende Politik, die der Grund für die unendliche Katastrophe im Mittelmeer ist, fort.

Bei dieser Gesamtschau, bei der man dem Rückzug des Respekts vor den Menschenrechten nicht Einhalt gebieten kann, müssen wir vermerken, dass wir in den letzten Monaten mehrere Meldungen über Rückführungen von gambischen Staatsbürger*innen, auch schutzbedürftigen, erhalten haben. Viele erfolgten nach der Abschiebehaft im CPR in Caltanissetta.

Heute, da wir eher von Privilegien einiger weniger als von Rechten aller sprechen müssen, sind wir alle aufgerufen, die Freiheit zu verteidigen, ein würdevolles, wahres und leidenschaftliches Leben zu führen. Alle, genauso wie auch Anuar, Souleiman, Marie und Lamin und so viele andere Unsichtbare.

Alberto Biondo

Borderline Sicilia

Aus dem Italienischen übersetzt von Jutta Wohllaib

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