5 Juli 2019

Die Geschichte von Precious und Peter

In Italien lesen wir täglich Nachrichten über falsche oder absurde Gesetze, über Vorkommnisse von offenem Rassismus und Explosionen des Hasses. Fast jeden Tag finden sich auf den Titelseiten Berichte über schreckliche, wütende Angriffe verschiedenster Herkunft, manchmal sogar solche von amtierende*n Minister*innen.

Fern von der medialen Aufmerksamkeit finden jedoch auch Solidaritätsakte und das Aufzeigen von Missständen statt. Darum möchten wir eine Geschichte bekannt machen, die sich in den letzten sechs Monaten zugetragen hat, die ein gutes Ende genommen hat und uns Hoffnung für die Zukunft macht. Es ist allerdings wichtig zu erwähnen, dass es viele besorgniserregende Momente gab, absurde administrative Hindernisse und daraus entstehende Gefahren für das Leben der besonders schutzbedürftigen Personen. Darum fühlen wir uns verpflichtet, auch über jene zu sprechen, die diese prekären Bedingungen verursachen.

Dieser aktuelle Fall regt uns gleich am Anfang zu drei grundlegenden Überlegungen an:

Die erste ist eine offene Frage: Welche sind die Auswirkungen der stets wachsenden Bürokratisierung und der Entmenschlichung des Lebens von Migrant*innen in unserem Land, und wie weit werden diese Zustände noch gehen?

Die zweite gilt der Bestätigung durch die solidarischen Kräfte in unserem Land – ich spreche von unserem Netzwerk von ARCI Porco Rosso bis Borderline Sicilia, aber gewiss nicht nur von uns – die uns zeigen, dass Hoffnung berechtigt ist.

Die dritte, nicht weniger wichtige Überlegung, betrifft die Resilienz der Migrant*innen, ihre Geduld und ihren Durchhaltewillen, mit dem sie ihre Zukunft gestalten, ihren Mut, der zusammen mit solidarischen Allianzen die Kraft hat, die rassistischen Mauern, die überall errichtet werden, zu überwinden.

Kehren wir zum Anfang zurück. Im Januar dieses Jahres haben die Bewohner*innen eines außerordentlichen Aufnahmezentrums in der Provinz von Palermo erfahren, dass ihr Empfangszentrum geschlossen wird. Es war nie einfach gewesen in jenem Dorf zu leben: die Wartezeit für benötigte Dokumente war unendlich. Die Abgeschiedenheit des Ortes ließ die Migrant*innen nach ihrer auch Monate dauernden, furchtbaren Reise vorerst zur Ruhe kommen. Aber die notwendigen Ressourcen um die Sprache zu lernen oder Arbeit zu suchen waren dort nicht vorhanden. Trotzdem, für viele der Migrant*innen war dieses Empfangszentrum der einzige Ort in Italien, den sie kennengelernt hatten. Dessen Schliessung war eine weitere traumatische Erfahrung von Verlust und Hoffnungslosigkeit.

Diese und andere Bedingungen haben viele Migrant*innen in den letzten Jahren dazu gebracht, aus den Empfangszentren wegzugehen und ihre Zukunft woanders zu suchen – eine andere Stadt, ein anderes Land, etwas, von dem sie selbst noch nichts wissen. Ein junges Paar aus Westafrika gehört auch zu ihnen. Nennen wir sie Precious und Peter.

Als sie beschlossen die Provinz Palermo zu verlassen, war Precious im siebten Monat schwanger. Ihre Suche nach Glück zog sie nach Norden – vielleicht nach Frankreich oder Deutschland, vielleicht nach Mailand oder Turin. Ohne sich dessen bewusst zu sein, taten sie das gleiche wie unzählige Sizilianer*innen es seit jeher taten und bis heute tun. Ihre Reise wurde jedoch durch die verfrühte Ankunft ihrer Kinder unterbrochen. In der Toscana hat Precious während der Fahrt im Zug das Bewusstsein verloren und musste ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden, wo sie Zwillinge zur Welt brachte und die zu frühgeborenen Kinder spezielle Pflege erhielten.
Damals hat Peter uns wieder kontaktiert. Wir hatten ihn vor einem Jahr während eines Besuches in seinem Aufnahmezentrum kennengelernt und sind seither in Kontakt geblieben. Seit Februar haben wir seine Familie nicht nur in der Bewältigung der bürokratischen Abläufe unterstützt. Wir stellten zudem die mangelnde Tatenlust und Kommunikation zwischen den Institutionen fest, die das Zusammenbleiben der Familie gefährdet hat. Die Schwierigkeiten bestanden vor allem darin, dass die Eltern nicht über den Gesundheitszustand der Zwillinge und die notwendigen medizinischen Schritte und Behandlungen informiert wurden. Als eine Unterschrift oder die Zustimmungserklärung einer medizinischen Maßnahme notwendig wurde, musste das Krankenhaus eine Übersetzerin zuziehen. Ihre Situation war geprägt von Verwirrung, Angst und Paranoia, die sie jeden Tag bekämpfen mussten.

Precious wurde in der Mütterabteilung des Krankenhauses aufgenommen, zusammen mit den Zwillingen. Peter wurde nicht in der gleichen soziosanitären Struktur betreut und galt als ‚Person ohne festen Wohnsitz‘. Nur dank der großzügigen finanziellen Hilfe einer Frau, die sie im Krankenhaus kennengelernt hatten und die der Familie völlig freiwillig einen maßgeblichen ökonomischen Halt gegeben hatte, und dank der Hilfe eines Netzwerkes an Freiwilligen, das wir von Palermo aus kontaktieren konnten, hat Peter verschiedene Unterkünfte in der Toscana finden können. Obwohl die Situation von Peter bekannt war, boten die drei Unterkünfte nur begrenzte Obdach für jeweils ein paar Wochen. Auch geriet er jeweils in Schwierigkeiten, da Fragen zu seiner Aufenthaltserlaubnis gestellt und Probleme gemacht wurden, obwohl er die notwendigen Papiere, die seinen legalen Aufenthalt auf italienischem Territorium auswiesen, immer bei sich hatte. Während mehr als zwei Monaten war er Gast bei einem Freiwilligen aus der Region, dessen Kontakt wir über ein internationales Netzwerk herstellen konnten, einem Mann des kurdischen und palästinensischen Solidaritätsnetzes. Ein anderer Gastgeber war ein Freund des Netzwerks Palermo Pride. Leider waren verschiedene von uns kontaktierte Vereine nicht in der Lage eine Lösung für Peter zu finden, weil auch in der Toscana eine große Nachfrage besteht für Hilfeleistungen.

Das Zusammenwirken von unsicherer Wohnsituation mit den sprachlichen und kulturellen Barrieren hat die Eltern der Zwillinge konstant verängstigt und sie befürchteten, dass sie für unfähig erklärt würden, für ihre Kinder die elterliche Verantwortung zu übernehmen und dass die Behörden ihnen die Kinder wegnehmen würden. (Wir möchten betonen, dass das alles hätte vermieden werden können, wenn das Spital oder die Behörden Fachkräfte der interkulturellen Mediation zugezogen hätten.)

Diese Angst der Eltern wurde mitunter als Paranoia und Obsession etikettiert. Gespräche mit verschiedenen Beteiligten haben Besorgnis in uns ausgelöst, über den Zustand von Entfremdung und Verlassenheit, in der die Familie gefangen war – der Entscheid zur Fremdbetreuung der Kinder schien unvermeidlich oder zumindest die Trennung von ihrem Vater. An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Aufmerksamkeit und die Behandlung durch die Ärzt*innen nie in Frage gestellt wurde, und im Gegenteil waren es oft die Ärzt*innen, die die Aufgabe der fehlenden Sozialarbeiter*innen übernommen haben, die sich für die behördlichen und bürokratischen Probleme von Peter und Precious interessierten.

Immer im Bemühen um eine langfristige Lösung für die Familie haben wir von Anfang an das Gespräch gesucht, sowohl mit dem außerordentlichen Aufnahmezentrum, wo sie vorher waren, als auch mit den Präfekturen von Palermo und Pisa.
Die Informationen der Beschäftigten des Aufnahmezentrums waren spärlich, nicht immer übereinstimmend und manchmal schlichtweg falsch. Beispielsweise hatte ein Sozialarbeiter hatte die Familie, sicher in guter Absicht, darauf hingewiesen, dass sie durch ihr Weggehen aus dem CAS in einem „illegalen Status seien, auf Grund des Sicherheitsdekrets von Salvini“. So trifft das problematische Verhalten der Beschäftigten des Zentrums nicht nur auf die bürokratischen und richterlichen Belange zu, sondern auch auf den Betrieb des Zentrums, was seine Schließung angeht, was wiederum mit den unklaren Informationen von Seiten der Kooperative an ihre Angestellten zusammenhängt. Denn das Zentrum ist bis heute in Betrieb.

Ebenso wichtig ist es, darauf hinzuweisen, dass die Anweisungen und Vorladungen bei den Präfekturen von totaler Unverständlichkeit geprägt waren. Jeder Mensch, egal ob italienische*r Staatsbürger*in oder Fremde*r, wäre der Situation nicht gewachsen gewesen, sich in der Bürokratie und Verwaltung zurechtzufinden ohne die Unterstützung eines großen Netzwerks an Fachleuten. Die Kommunikation mit den Beamt*innen kostet seine Zeit, und das System selbst baut auf lange Wartezeiten und unerklärlichen Ablehnungen auf. Nach vielen Rückfragen und Erinnerungen unsererseits hat die Präfektur in Palermo der neuerlichen Aufnahme in einem außerordentlichen Aufnahmezentrum in der Provinz Palermo zugestimmt. Zur gleichen Zeit kam von der Präfektur in Pisa der telefonische Bescheid, dass sie weder die Möglichkeit noch die Bereitschaft hätten, die Familie in der Toscana aufzunehmen.
Die schändlichste, kafkaeske Situation entstand, als die beiden Präfekturen während Wochen nicht in der Lage waren, ein Aufnahmeverfahren in die Wege zu leiten oder auch nur gemeinsam darüber zu beraten. Die Präfektur in Pisa war der Meinung, sie hätten absolut keine Verpflichtung, eine ihnen unbekannte Familie aufzunehmen. Die Präfektur in Palermo hingegen weigerte sich ein Aufnahmeverfahren einzuleiten, ohne eine offizielle Erklärung von Pisa.
Wir haben verstanden, dass in diesem ganzen Zeitraum die zuständigen Beamt*innen der Präfekturen sich weigerten, miteinander telefonisch Kontakt aufzunehmen. Die einzig erlaubte Kommunikation sei über autorisierte E-Mails. Aber gerade diese Bedingung hat zu langwierigen Verzögerungen geführt.
Der Einsatz, den die Präfektur von Palermo trotz allem geleistet hat, soll nicht unerwähnt bleiben; nach stundenlangen Telefonaten, Mails, Erklärungen, Richtigstellungen und vielen unserer persönlichen Vorsprachen auf der Präfektur muss anerkannt werden, dass diese veranlasst hat, dass die Familie in einem CAS* in der Provinz von Palermo wieder aufgenommen wurde.

Nach vier Monaten, in denen unsere Gruppe Netzwerke geschaffen, Unterstützung geboten und dabei grundlegende Aufgaben des Staates übernommen hat, sind wir überglücklich die kleine Familie vor wenigen Wochen am Bahnhof in Palermo in Empfang genommen zu haben. In den folgenden Tagen besuchten sie uns in unseren Räumlichkeiten im Viertel Ballarò – sie sind bei guter Gesundheit und bereit für die kommenden Herausforderungen. Das schüchterne Lachen von Peter, das zärtliche und bestimmte Lächeln von Precious beim Betrachten ihrer Kinder: das sind die wichtigsten Kräfte, die wir haben, unsere Menschlichkeit.

In einem Essay über Bürokratie und Dummheit schreibt der Anthropologe David Graeber, dass „jede Bürokratie Anforderungen stellt, von denen sie behauptet, dass sie sinnvoll seien. Wenn sich dann herausstelle, dass das nicht stimmt, zieht sie den Schluss, dass das Problem nicht in den Anforderungen liegt, sondern in der Unzulänglichkeit der Menschen, die nicht in der Lage sind, diese Anforderungen zu erfüllen.“ Dieses Phänomen trifft sicher auf die Bürokratie zu – wo auch immer und seit jeher: eines der aktuellen Probleme in Italien ist, dass alle Lebensbereiche eines Ausländers unserer Bürokratie unterliegen, die ungerechten Gesetzen gehorcht und institutionelle Kurzschlüsse verursacht. Die Wohnsituation, die Ernährung, das Gesundheitswesen, eine einfache Urkunde, die bezeugt, dass man auf die Welt gekommen ist – alles wird bestimmt durch eine Bürokratie, die unerfüllbare, oft sich widersprechende Bedingungen stellt. Das unvermeidbare Scheitern wird dem Individuum angelastet, das erst am Anfang steht, diese Anforderungen überhaupt zu verstehen.

Die Wirkung ist nicht nur die, wie Graeber schreibt, dass die Bürokratie uns dumm macht. Die Bürokratie gefährdet die administrative Identität einer ganzen Generation von Migrant*innen, die ohne den Kampfgeist und die Unterstützung der Freiwilligen-Organisationen, die wenig zu verlieren haben, durch unverständliche oder sich widersprechenden Vorschriften in einem ständig sich ändernden, widersprüchlichen System von der Laune von diesem oder jenen Funktionär abhängig oder der Inkompetenz dieses oder jenes Betreibers ausgeliefert sind.

Die kommenden Monate werden nicht einfach. Aber die Standfestigkeit von Menschen wie Precious und Peter, die nicht nur eine schreckliche Überfahrt im Mittelmeer überstanden haben, sondern auch die unverständliche, paradoxe italienische Bürokratie, gibt uns Mut, unsere Arbeit weiter zu führen, uns für ihre und die Zukunft ihrer Kinder einzusetzen. Wir wünschen uns, sie in einer besseren Welt aufwachsen zu sehen.

Sportello Sans-Papiers

ARCI Porco Rosso

 

*CAS Centro di Accoglienza Straordinaro – außerordentliches Aufnahmezentrum

Übersetzung aus dem Italienischen von Susanne Privitera

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