10 Oktober 2016

Die Erinnerung weniger, das Schweigen vieler. Drei Landungen und 29 Leichen in Pozzallo

„Ich
bin geflohen, nachdem ich 40 Tage in einer Kaserne in Libyen
eingeschlossen war. Ich wurde mit dem Tod bedroht, meiner Dokumente
beraubt und mit Gürteln verprügelt. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren, die Fähigkeit,
den Tag von der Nacht zu unterscheiden. Erst als ich in Italien
angekommen war, habe ich wirklich verstanden, wie viel Zeit vergangen
war und als ich mich ansah, konnte ich mich selbst kaum wieder erkennen.“


Das Schiff des MOAS* „Topaz Responder“ in Pozzallo

So beginnt die Reise von M. nach Europa und wie für ihn auch jene der tausenden Migrant*innen, die den sizilianischen Kanal überqueren.
Und auch derjenigen, die es nicht schaffen, Italien lebend zu erreichen
und jener, die – sobald sie von Bord gegangen sind – als angebliche
Schleuser festgenommen und ins Gefängnis gebracht werden. Das erfahren wir durch Erzählungen derer, auf die wir kurz nach der Ankunft oder erst nach einigen Monaten treffen und die während einem ruhigen Plausch die Notwendigkeit spüren, uns ihre „Version“ der
Fakten darzulegen, und traurigerweise genau wissen, dass ihnen kaum
geglaubt wird, weil sie so fern von den offiziellen und dominanten
Diskussionen sind. Diese sind meist geschaffen von denen, die die
Ereignisse in eigenem Interesse, aus Erfahrungen anderer rekonstruieren.
Und wir erfahren Derartiges auch durch die sichtbaren Wunden der Körper und jene unsichtbaren Wunden der Gemüter, die, wer ankommt, an sich trägt.

Am 3. Oktober, dem nationalen Tag „für das Gedenken der Opfer der Immigration“ haben wir viele Reden gehört, Versprechen, Versuche, das tägliche
Massensterben zu beschreiben und an die Tragödie zu erinnern, dass seit
Jahren tausende Menschen ihr Leben riskieren, um an unsere Küsten zu gelangen. Am gleichen Tag gehen hunderte Migrant*innen in einigen sizilianischen Häfen von Bord und man birgt Leichname anderer im Meer. Die Gedenkreden und Versprechen, eingefädelt von institutionellen Vertretern, sind wirklich sehr weit entfernt von dem, was tatsächlich an den Landungsorten geschieht, und nicht nur davon. Am späten Nachmittag nimmt das Schiff „Topaz Responder“ von MOAS* 326 Migrant*innen auf, unter ihnen 15 unbegleitete Minderjährige. Männer,
Frauen und Kinder, die von Libyen losgefahren sind, von subsaharischem
und nordafrikanischem Ursprung, aber auch aus Eritrea, Äthiopien und Pakistan, allesamt auf unwahrscheinlichste Art auf das Boot gedrängt.
Unter den ersten die das Boot verlassen auch eine Gruppe junger
Nigerianerinnen. Noch auf dem Kai wird die fiebrige Jagd nach dem mutmaßlichen
Schleuser in Szene gesetzt, nach einem mittlerweile gut erprobten
Drehbuch: Fragen, Versprechen auf Hilfe, wiederholte Fotos, Kontrollen
und aufgeregte Konfrontationen, durchgeführt durch die Ordnungskräfte, deren Vermittler und Frontex und zwar mit Mitteln, die gegenüber der Situation derer, die nach einer potentiell tödlichen Fahrt eben erst wieder Land unter den Füßen spüren können, definitiv respektlos ist. Die Identifikation der Zeug*innen, die separat von den übrigen Migrant*innen gehalten werden, und die vorläufige Festnahme der mutmaßlichen Schleuser scheinen mittlerweile immer mehr zu den Hauptaktivitäten am Hafen zu gehören und lassen somit nur minimal Platz für eine „humane“ Aufnahme der Ankömmlinge.

Aber in der Wirklichkeit ist das, was täglich zählt, die Zahlen, Machtdemonstrationen und Sicherheitsfähigkeiten, nicht die Personen und ihr Recht auf Schutz und die Möglichkeit ihre eigene Geschichte zu äußern.
Deshalb sind die Befragungen noch erbarmungsloser, wenn wie Dienstag
bevorstehende Umsiedlungen anstehen. Und wie jegliche Aktionen am Rande
der Legalität bleibt auch das unter einer mittäterischen Stille verborgen. Man gedenkt der Toten im Meer, aber mit keinem Wink zur Verantwortung derer, die denen, die flüchten, nicht erlauben, dies auf legalen Wegen zu tun und somit tausende Personen dazu zwingen, sich von der Hölle aus auf ein Gummiboot zu quetschen. Man beruft sich auf Europa und wirft vor, Italien werde nicht genügend unterstützt, aber in Brüssel teilt man die neuen beschämenden und besorgniserregenden Abkommen mit Afghanistan, die finanzielle Hilfe im Gegenzug zu Rückführungen von Asylsuchende in ein Land vorsehen, das von militärischen Konflikten erschüttert ist.

Am Gedenktag werden auch die tausenden unbegleiteten Minderjährigen und besonders schutzbedürftigen Personen vergessen, die seit Wochen „illegal“ im Hotspot bleiben müssen und die auch nach neuen Ankünften
nicht umgesiedelt werden. Oder auch die hunderten, um nicht zu sagen
fast tausende, Menschen, die sich in der Zeltstadt von Augusta
ansammeln, wo man mittlerweile täglich hunderte Erwachsene und Minderjährige quasi systematischer Weise im Hafen lässt, mit der Rechtfertigung, es handle sich um normale „organisatorische Probleme“. Es scheint surreal, aber wer im Jahr 2016 nach Italien kommt, erhält bei der Ankunft noch nicht einmal ein Paar Schlappen, Klamotten, oder Decken, denn es steht nicht genügend zur Verfügung. Das Italien, das sich damit rühmt,
Migrant*innen zu retten und aufzunehmen ist dasselbe, das weiterhin
systematisch deren fundamentale Rechte verletzt. Die falsche Trauer für die Opfer des Meeres geht in offiziellen Diskussionen einher mit der Suche nach der Schuld in der fehlenden europäischen Unterstützung.

Wenn die Politk und die Handhabung des Phänomens der Migration, aus „menschlicher“ Perspektive gesehen, offenkundig gescheitert sind, dann ist das die Verantwortung „anderer“. Die vereinbarten politischen und ökonomischen Abkommen, und zwar auch von unserer Regierung, werden wie von Zauberhand versäumt. Und es ist auch die gleiche Methode des „selektiven“ Gedenkens, das die humanitären Aktivitäten
der Organisationen und Vereine die mit Migrant*innen arbeiten, als
völlig uneigennützig und heldenhaft darstellt, ohne von den immensen
Einnahmen dafür zu sprechen und von der überraschend hohen Menge an Geldern, die in diesen Kreisen vorhanden sind. Das Geschäft mit Migrant*innen gibt es nicht und Italien ist lediglich Opfer der grausamen Politik des reichen Europas. Wer weiß schon, warum die Leiter der Aufnahmezentren nach Jahren öffentlicher Ausschreibungen und Zuordnungen aus professioneller Sicht völlig ungeeignete Fachkräfte einstellen und man kaum Weiterbildungskurse findet. Und warum bloß fliehen
Migrant*innen weiterhin aus Sizilien und Italien oder versuchen
Selbstmord zu begehen, nach Monaten, die sie herumvegetiert haben, in
den Aufnahmelagern wo jede Möglichkeit
der Kommunikation, sowie minimaler Beistand, fehlt?! Gerade erst diese
Woche haben wir erneut einige unbegleitete Minderjährige getroffen, die im CAS* in Pozzallo untergebracht sind, das vor kurzem eröffnet wurden und von der „Cooperazione Azione Sociale“ geleitet
wird: einige von ihnen sind dort vor Monaten untergebracht worden und
tragen noch immer dieselben Klamotten, die sie im Hotspot bekommen
haben, weil es seither keine Wechselklamotten gab. Mehr als vier Wochen
ohne einmal Zuhause anzurufen, weil im CAS* keine Telefonkarten verteilt
werden und es keinen Computer mit WLAN gibt, den sie nutzen können.
Und von Dokumenten soll gar nicht erst die Rede sein: es scheint ihnen
ein komplett unbekanntes Thema zu sein. Die einzige Sache, die sie
kennen und auf die sie warten, ist zur Schule gehen zu können,
um auch andere Menschen kennen zu lernen als diejenigen, die ihnen
sagen, wegzugehen oder zu arbeiten und ihnen bei einer Begegnung auf der
Straße nicht
einmal auf eine Frage antworten wollen. Auf Demonstrationen und im
Fernsehen geben wir uns gern solidarisch mit ihnen, aber leider bleiben
viele dabei, sich mit Migrant*innen nur unter Vorurteilen abzugeben oder
behandeln sie nicht einmal wie Personen. Man kennt die einzelnen
Situationen der Migrant*innen nicht und will sie auch lieber nicht
vertiefen und wer dies aber tut, gilt als Idealist. Unsere Welt stützt sich letztendlich auf die Armut anderer und dies zu wissen ist immer „unangenehm“.

In der Zwischenzeit treffen Flüchtlinge weiterhin auf befestigte Grenzen und fordern den Tod heraus, um zu fliehen. Am Morgen des fünften Oktober sind an Bord des Bootes „Corsi“ weitere 428 Personen in Pozzallo angekommen, geborgen in verschiedenen Einsätzen, während in Augusta 1008 Menschen auf dem Schiff„Libra“ der Marine ankamen und 1004 am Tag zuvor in Catania von Bord gegangen sind. Der Großteil der in Pozzallo ankommenden Migrant*innen ist barfuß und
ohne Oberteile, die sie an Bord wahrscheinlich nicht bekommen haben.
Das Ausschiffen geht so weiter, dass circa elf Zeugen erfasst werden,
was dazu führt, dass drei mutmaßliche Schleuser verhaftet werden. Diese letzte Nachricht wird die Bildunterschrift, die auch die nächste
Ankunft begleitet, und unsicher sind die erlebten Dramen derer, die oft
nicht einmal wissen, wo sie nun sind oder derer, die ein paar Tage später irgendwo auf der Straße sitzen werden. Diese Woche sind tatsächlich
weitere Personen vom Hotspot abgewiesen worden, unter ihnen drei
Marokkaner*innen, die sagen, eine aufgeschobene Abschiebung erteilt
bekommen zu haben, ohne auch nur ein Wort entgegnen zu können, sondern allein wegen ihrer Nationalität. Währenddessen erfahren wir, dass vom Flughafen von Palermo aus kürzlich 40 Tunesier*innen wieder in ihre Heimat gebracht wurden.

Das Schiff Dignity von MSF* kommt in Pozzallo an

Am späten Abend des 9. Oktober sind wiederum 260 Migrant*innen im Hafen von Pozzallo an Bord der „Dignity I“ von Ärzte ohne Grenzen angekommen, sie wurden gerettet, nachdem sie die Küsten Libyens von der Stadt Sabrata aus verlassen haben. Es sind Geflüchtete von hauptsächlich subsaharischen Ländern, mit einem großen sudanesischem Anteil, aber auch einige Ägypter, Eritreer und Libyer, unter denen auch ein an Leukämie erkrankter Junge ist. Der Großteil von ihnen wird zu den anderen Minderjährigen und Erwachsenen im Hotspot dazustoßen, weil unmittelbare Übersiedlungen nicht vorgesehen zu sein scheinen. Auch gestern tummelten sich am Kai die Vernehmet und drei mutmaßliche Schleuser wurden von einem Einsatzkommando der Polizei abgeführt.
Aber die Erinnerungsbilder sind den Zeitungen vorbehalten, die sicher
nur das Aussteigen der Frauen und Kinder fotografieren werden, denen
sofort geholfen wird, aber sicherlich nicht die Verzweiflung, die, die
Gesichter derjenigen zeichnet, die von den libyschen Gefängnissen direkt in die italienischen kommen, nachdem sie riskiert haben, auf dem Meer zu ertrinken.

Am Dienstag ist in Augusta die Leiche eines jungen, nigerianischen Mädchens angekommen, die durch Erstickung gestorben ist, wahrscheinlich erdrückt durch das Gewicht der anderen Passagiere, während am späten
Nachmittag in Pozzallo 29 Leichen ankamen, ursprünglich mit anderen
Häfen zum Ziel, aber nach Tagen auf hoher See dann von Wachbooten der
Hafenbehörde
geborgen wurden. Die Ankunft der Leichen lief komplett verdeckt, der
gesamten Presse ist es nur erlaubt, den Transport weiter zu
dokumentieren, nachdem die Leichen in den Hafen gebracht wurden und die
Rechtsmediziner ein erstes Urteil abgegeben haben. Unter ihnen sind auch
drei schwangere Frauen und ein Kind.

Und wieder Tote, über
die fast geschwiegen wird und denen man vielleicht eines Tages gedenkt,
aber nicht als Opfer eines Massensterbens, das sich angekündigt hat. Und ohne zu sagen, dass die Möglichkeit der legalen Einreise sie hätte retten können. Das, was momentan passiert, beltrifftt nicht nur Europa, von dem sich unsere Regierungen in ähnlichen Situationen sofort trennen, um neue Abkommen sofort zu unterschreiben, sondern es geht uns alle etwas an, als Bürger und Menschen.

Lucia Borghi

Borderline Sicilia

*MOAS: Migrant Offshore Aid Station

*CAS: Centro Accoglienza Straordinaria – außerordentliches Aufnahmezentrum

*MSF: Medici Senza Frontiere – Ärzte ohne Grenzen

Übersetzung aus dem Italienischen von Sophia Bäurle

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