19 Oktober 2019

Campobello 2019: wieder eine Olivenernte im Zeichen der Ausbeutung

„Was soll ich dir sagen, es ist wie jedes Jahr, wenn wir uns wieder begegnen, aber diesmal ist es noch schlimmer als zuvor. Zudem gibt es dieses Jahr fast keine Oliven und Arbeit zu finden ist noch schwieriger. Ich weiß wirklich nicht, was ich dir erzählen soll, es tut mir leid. Mach eine Runde und berichte du mir, was es Gutes gibt in dieser Hölle.“

Das Zeltlager in der ehemaligen Zementfrabrik zwischen Campobello und Castelvetrano – Foto: Alberto Biondo

Moussas Ausbruch ist verständlich. Er wohnt in Campobello und kennt die Situation und die Zustände hier: „Ihr macht weiter mit euren „Expertenkommissionen“, wie ihr sie nennt. Aber wir werden immer mehr zu Sklav*innen. Unsere Arbeitsverträge sind ein Betrug. Wir sind die Schwarzen, gerade gut genug, um Oliven aufzulesen, sonst existieren wir nicht. Wir sind in dieser ehemaligen Zementfabrik eingeschlossen, damit uns niemand sieht. Was zum Teufel besprecht ihr in euren Kommissionen?“

Moussa muss sich ausbeuten lassen, obwohl er eine reguläre Aufenthaltsbewilligung hat. Er spart jeden einzelnen Euro für die kommenden arbeitslosen Zeiten, denn: „Mit den Scheinarbeitsverträgen, die mir ausgestellt werden, habe ich kein Anrecht auf Arbeitslosengeld.“

 

Ein chronisches Übel

Seit Jahren klagen wir die Zustände in Campobello an. Seit diesem Jahr haben die Unternehmer die Vereine und humanitären Organisationen aus den Expertenkommissionen ausgeschlossen, die sowieso, wie Moussa uns es sagte, zu nichts gut waren.

Diese Tatsache sollte zu einem Überdenken anstoßen sollen, auch zu den Aktivitäten der lokalen Vereine und Organisationen. Denn diese haben im Fall von Campobello kläglich versagt und veranlassen uns dazu, uns zu fragen, wie die Zustände wirksam bekämpft werden können.

Die Bezirksverwaltung von Trapani hat mit der Unterstützung der Gewerkschaften und dem Arbeitsamt eine Maßnahme in Kraft gesetzt, die etwa tausend Menschen, die sich jedes Jahr zur Olivenernte einfinden, in die Unsichtbarkeit zwingt. Von diesen Zuständen wissen wir seit 25 Jahren und ebenso wissen wir, dass die Anzahl der Unsichtbaren zugenommen hat in den letzten Jahren. Die Unternehmer erzählen reißerisch von ihren erzielten Erfolgen. Sie stellen die Einrichtung eines Lagers für 240 Personen – alle mit einer Aufenthaltsbewilligung – bei der ehemaligen Ölmühle Fontane d’oro als Lösung dar. In diesem Lager hat das Rote Kreuz Zelte und Duschen eingerichtet. Doch dieses Jahr, im Gegensatz zum letzten, gibt es keinen Cateringservice und es muss auch kein Eintritt mehr bezahlt werden, aber nur weil es sich das letztes Jahr als völliger Misserfolg herausgestellt hatte, Eintrittsgeld zu verlangen. Dem roten Kreuz konnten nicht einmal die anfallenden Gebühren entrichtet werden.

Die Unternehmer rühmen sich zudem des Erfolges ihrer Lösung der Übernachtungsmöglichkeiten für die Arbeiter*innen innerhalb der Landwirtschaftsbetriebe. Aber die Betriebe unterliegen keiner Kontrolle und viele Arbeiter*innen werden zu den schlimmsten Bedingungen untergebracht, ohne hygienische Infrastruktur wie Toiletten und Duschen, sodass die Arbeiter*innen letztendlich in die Zeltlager ziehen oder in verlassene Höfe.

Dieses Jahr ist in diesem Gebiet zudem eine Arbeitsvermittlung tätig, die Agentur Varvaro. Diese Firma sucht und vermittelt Arbeiter*innen für die landwirtschaftlichen Betriebe in Campobello und Umgebung und kümmert sich um die bürokratischen Belange. Die Agentur hat eine alte Einrichtung renoviert und darin Betten und Duschen für die Arbeiter*innen zur Verfügung gestellt, die sie gegen eine tägliche Zahlung nutzen können.

All diese Maßnahmen hätten die Unterbringung in der alten Zementfabrik ersetzen sollen. In dem Geisterort hausen aktuell 600 Personen, die meisten aus dem Senegal, manche mit regulären Ausweispapieren und manche ohne, ältere und junge, die aus ganz Italien hierherkommen um zu arbeiten.

 

Die Wirklichkeit hinter den Erklärungen der Institutionen

Die triumphierenden Aussagen der Gemeindeverwaltungen von Campobello und Castelvetrano werden durch die heutigen Zustände als Lügen entlarvt. Sie hatten nämlich mitgeteilt, dass das Lager von Erbe Bianche geräumt werden müsse, wegen der dort angesiedelten archäologischen Ausgrabungen. In Wirklichkeit ist Erbe Bianche bis heute eine Müllhalde, obwohl 62.000 Euro zu deren Sanierung ausgegeben wurden, Geld, das stattdessen dringend zur Entsorgung des immer noch vorhandenen Asbestes zwischen Erbe Bianche und der ehemaligen Zementfabrik hätte verwendet werden sollen.

Baracken in der stillgelegten Zementfabrik – Foto: Alberto Biondo

Dass sich die Situation verschlimmert hat, merken wir auch daran, dass einige der Anwesenden im Areal der Zementfabrik uns keine Fotos schießen lassen wollen und auch zögern, auf unsere Fragen zu antworten. Nur die neu Angekommenen, die uns nicht kennen, geben Auskunft.

Innerhalb des Areals der Zementfabrik leben etwa zehn junge Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. „Wenn du willst, gehst du zu denen, wenn nicht, bleibst du in deiner Baracke; dank ihnen fühlen wir uns besser nach einem Tag Arbeit“, erzählen uns einige der jungen Männer. Es sind junge Frauen meist aus Nigeria, aber auch aus dem Senegal, gefangen in dem Netzwerk, das von Palermo und Trapani bis aufs Land reicht, und in der alten Zementfabrik eine Goldgrube für dieses Geschäft gefunden hat.

 

Profit auf dem Rücken der Arbeiter*innen

Manche kommen sogar aus Rosarno, Foggia oder Rom, um in Campobello Geschäfte zu machen. Sie verlangen nie dagewesene Preise für ihre Angebote: ein Bidon Wasser kostet ein Euro, eine Baracke zwischen 150 und 300 Euro, wenn nicht mehr, abhängig von Größe und „Komfort“ der Einheit. Die Benutzung von Dusche und WC kostet einen Euro. Der Preis für den Transport zum Arbeitsplatz beträgt inzwischen fünf Euro pro Tag, an Ortsansässige oder Tunesier*innen, die die Fahrten anbieten. Früher wurden lediglich die Benzinkosten unter den Mitfahrer*innen aufgeteilt.

Zum ersten Mal sind auch junge Volljährige aus Livorno, Bolzano und Reggio Emilia angekommen. Ihnen wurde Kost und Logis und ein Arbeitsvertrag zugesagt. Stattdessen leben sie nun in der Barackensiedlung, in dem Haus, wo Ousmane den Tod gefunden hat – und weiter stirbt, wegen der Unbeweglichkeit der Situation.

Zusammen mit ihnen arbeiten gleichaltrige Landsleute, die in zweiter und dritter Generation in Sizilien leben, und um ihre Familien zu unterstützen bei der Olivenernte mitarbeiten. Sie wurden von Freund*innen dazu angeregt, die seit Jahren mitmachen, aber auch sie fühlen sich verloren in diesem Lager.

Am Abend zeigt sich am Deutlichsten die Unmenschlichkeit dieses Ortes. Dann, wenn die Arbeiter*innen von den Feldern zurückkehren, dreckig, verschwitzt und todmüde, und sich ihren Eimer warmes Wasser erkämpfen müssen, wenn der Gestank der offenen Abwasser noch schlimmer wird, wenn sich der Geruch nach gegrilltem Fleisch mit anderen Gerüchen mischt. Zu diesem Zeitpunkt kommen auch die Arbeiter dazu, die in Fontane d’Oro wohnen, denn dort haben sie keine Küche und es ist verboten, Kochstellen zu errichten, die Polizei kontrolliert strikt und beschlagnahmt alles. So sind dann am Abend um die tausend Menschen in der alten Zementfabrik zugegen, die aktuell Oliven ernten, und während dem Essen, Trinken und sich Wärmen an den Feuerstellen auch Frauen finden, die Opfer von Menschenhandeln sind, an denen man sich abreagieren kann.

Tausend Erntehelfer sind zu viele für die karge Olivenernte in diesem Jahr. Viele von ihnen werden keine Arbeit finden. Viele von ihnen werden sich verschulden für die jeweiligen An- und Rückreisen. Viele von ihnen werden sich erneut an Menschenhändler wenden und an anderen Orten in Italien als Arbeitssklav*innen missbraucht werden. Das geschieht in totaler Straflosigkeit und absoluter Gleichgültigkeit unter der heuchlerischen Rhetorik, die besagt, dass das Problem auch dieses Jahr dank der Expertenkommission der Präfektur gelöst werden konnte.

Ein katastrophales Modell

Bis vor drei Jahren, als das Lager noch von Hilfsorganisationen (allen voran von den Freiwilligen der Associazione Libera) organisiert wurde, gab es diese Schattenwirtschaft nicht. Gewisse Dynamiken und Vorgänge waren stets ökonomischer Natur, aber sie dienten der Unterstützung und die Rollenverteilung innerhalb des Lagers war solidarischer. Heute gewinnt man den Eindruck einer gewissen Kontrolle, die ausgeübt wird und gewisse Mechanismen der Spekulation sind ausgeprägter. Es ist klar, dass wir als humanitäre Organisationen gegen die Herausforderungen, die uns gestellt wurden, verloren haben. Und es ist ebenso klar, dass die gewählten Strategien der Präfektur und der Gemeinden von Campobello und Castelvetrano auf der menschlichen und rechtlichen Ebene ein Desaster sind. Ein Desaster, das mit dem Einverständnis der Gewerkschaften und vor den Augen des Arbeitsamtes stattfindet. Ein Versagen, in dem wie immer die Arbeiter*innen, schwarze und weiße, die Leidtragenden sind.

Warum werden keine Maßnahmen ergriffen gegen die illegalen Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft und insbesondere bei der Olivenernte?

Warum wird Stillschweigen und der Status quo bewahrt in Campobello?

Zu starke Interessen in diesem Gebiet, wo die Spuren der Mafia von Matteo Messina Denaro immer noch mächtig sind. Gerade hier sollte die Antwort des Staates genauso kraftvoll sein. Aber die Gesetze werden systematisch missachtet und die Ausbeuter haben ein leichtes Spiel.

Es sind viele, zu viele Fragen, die zu viele nicht beantworten wollen. Was man hier will, wie jedes Jahr, ist ungeschoren bis zum Dezember agieren zu können, wie immer. Danach werden die höllischen Zustände angeklagt und die Räumungen genau zum Ende der Ernte angesetzt.

Kein Gedanke gilt dem langsamen Tod der tausenden von Hilfsarbeiter*innen, die in der Landwirtschaft leiden, weil sie für Jahre gezwungen sind, unter schädlichen und gesundheitsgefährdenden Umständen und Ausbeutung zu leben, vollkommen außerhalb des Schutzes der Zivilgesellschaft, während wir jeden Tag mit Lügen und der Rhetorik über Migrant*innen bombardiert werden.

Alberto Biondo

Borderline Sicilia

Übersetzung aus dem Italienischen von Susanne Privitera

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