10 Oktober 2019

Bestattungen auf Lampedusa und die beschämende Abwesenheit der Institutionen

Redattoresociale.it – Gedenkfeier für geborgene Opfer auf Lampedusa: 13 Frauen, darunter ein zwölfjähriges Mädchen. Suche nach den Verschollenen unter erschwerten Bedingungen fortgesetzt. Mediterranean Hope: „Lampedusa zählt mal wieder alleine die Toten; allgemeine Gleichgültigkeit.“ Sea Watch: „Schlimm, dass niemand sich berufen fühlt, hierher zu kommen.“

Foto: Agentur DIRE

ROM – Die jüngste der identifizierten Personen ist gerade einmal zwölf Jahre alt, doch vermisst werden noch ein zehn Monate altes Mädchen und ein zweijähriges Kleinkind. Heute Abend werden die dreizehn Frauen beerdigt, deren Leichname nach dem Schiffbruch in der Nacht von Sonntag auf Montag vor der Küste von Lampedusa geborgen wurden. Während die erschwerten meteorologischen Bedingungen auf See die Suche nach den Verschollenen weiterhin erschweren, wird der Pfarrer von Lampedusa Don Carmelo La Magra die Bestattungen „auf Anfrage der Überlebenden und ausdrücklichen Wunsch der Gemeinde“ in der „Casa della Fraternità“ vornehmen.

Indes werden erste erschütternde Berichte von Überlebenden laut. Einer von ihnen erzählt, dass er einen Säugling zu sich ziehen konnte, doch als er von einer ertrinkenden Person bedrängt wurde, verlor er das Kind aus den Armen und sah es in den Wellen verschwinden. Die Zahl der Vermissten ist ungewiss: Die insgesamt 22 Überlebenden haben unterschiedliche Angaben darüber gemacht, wie viele Migrant*innen wirklich an Bord waren – manche sprachen von 55, andere von 60, wiederum andere sogar von 70 Personen.

„Im Moment wird die Suche nur aus der Luft fortgesetzt; das Meer ist zurzeit derart stürmisch, dass die Schiffe nicht auslaufen können. Wir unterstützen die Überlebenden, wir haben sie zu den Identifizierungen begleitet, ein erschütternder Moment. Die Verwandten der Opfer haben versucht, die Gesichter ihrer Lieben wiederzuerkennen, aber nicht alle haben es über sich gebracht, alle Leichname anzusehen“, erzählt Alberto Mallardo von Mediterranean Hope, der seit sieben Jahren auf der Insel lebt und arbeitet. „Am meisten schockiert uns, dass der Schiffbruch nur wenige Tage nach dem 3. Oktober passiert ist. Jedes Jahr kommen die Institutionen an diesem Tag auf Lampedusa zusammen, um einander zu versprechen, dass sich die Tragödien auf dem Meer nicht mehr wiederholen werden. Doch keine zwei Tage später müssen wir am Kai von Favaloro wieder die Särge zählen. Auch das Schweigen der Institutionen ist erschütternd – Lampedusa wird beim Totenzählen wieder einmal allein gelassen, während der Rest der Welt gleichgültig wegschaut. Dabei geschehen diese Schiffbrüchige nur wenige Meilen von hier. Seit Monaten und Jahren sterben Menschen im zentralen Mittelmeer, weil die Rettungsoperationen, seien sie privat oder staatlich verfügt, mit allen Mitteln be- und verhindert werden. In diesen sechs Jahren [seit dem tragischen Schiffbruch vom 3. Oktober 2013, A.d.Ü.] ist nichts geschehen: Sichere Wege gibt es immer noch nicht und viele Menschen verlieren hier ihr Leben.“

Auch die Sprecherin von Sea Watch Giorgia Linardi beklagt die Abwesenheit der Institutionen auf Lampedusa: „Es ist doch absurd, dass niemand sich verpflichtet gefühlt hat, hierher zu kommen, um der Opfer zu gedenken. Hier liegen die Leichname von dreizehn Frauen. Wir sind präsent, ebenso wie die Ordnungskräfte, die Retter*innen und all jene, die sich dieser Tage um die Bergung der anderen Vermissten bemühen“, sagt Linardi dem Redattore sociale. „Bei der Tragödie von Triest [Anfang Oktober wurden auf einem Triester Polizeipräsidium zwei Beamte erschossen, A.d.Ü.] haben sich die Institutionen sofort in Bewegung gesetzt, hier aber ist keiner aufgetaucht. Je nach Unglück gibt es da unterschiedliche Verhaltensstandards. Das alles ist umso unfassbarer, als ausgerechnet dieser Tage die europäischen Innenminister in Luxemburg tagen, um dieses Thema zu besprechen.“ Die NGOs haben einen Gegenentwurf zum Malta-Abkommen vorgelegt, der genaue Standards für die Seenotrettung und die Verteilung von Migrant*innen festlegt. „Unsere Monitoring-Aktivitäten zeigen Tag für Tag, dass grundsätzlich zu spät gehandelt wird: Es ist doch paradox, dass das Mittelmeer als am stärksten militarisiertes Gewässer der Welt nicht genug Rettungskräfte aufbringen kann. Die Ordnungskräfte verfügen über unzureichende Mittel, und der politische Wille ist es, die Präsenz größerer Schiffe vor den Küsten Lampedusas zu verhindern. In diesem Zusammenhang geht das Sterben auf dem Meer weiter, und man kann kaum etwas dagegen tun.“

Eleonora Camilli

Aus dem Italienischen übersetzt von Laura Strack

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