22 Juni 2017

Auf dem Rücken der Jüngsten

“Ich bin 16 Jahre alt, komme aus Ägypten und habe acht Jahre mit meiner Familie in Libyen verbracht; es lief alles gut, bis ihr angefangen habt, alles zu zerstören, zu bombardieren, zu schießen, und wir Schwarzen sind für alle, Libyer*innen und Italiener*innen, zur bevorzugten Zielscheibe geworden.“ K. hat trotz seines jungen Alters ziemlich klare Vorstellungen und schäumt fast über; er möchte seine Wut unserem Vermittler gegenüber geradezu ausspucken. Er ist die erste Person die er trifft und die ihn versteht.

Die Spuren der in Libyen erlittenen Folter auf den Schultern von K.

K. ist vor sechs Monaten in Trapani angekommen. Nach seiner Identifizierung im Hotspot von Milo wurde er in einem Erstaufnahmezentrum für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in der Provinz Palermo untergebracht. Von diesem Moment an geschah nichts mehr, Stille von Seiten der Verwaltung, die nie eine*n Mediator*in zur Verfügung gestellt hat, um den Jungen durch die Hürden der italienischen Bürokratie zu begleiten. „In diesem Zentrum, an dessen Namen ich mich nicht einmal erinnere, haben sie mich morgens geweckt um nichts zu tun. Es stimmt, ich wachte nicht mit Schlägen von Stöcken auf, wie es in Libyen geschah und ich hatte eine Tasse Milch, aber niemand hat mir gesagt, wo ich mich befinde und warum; allein, getrennt von meiner Familie, die in Libyen geblieben ist, weil sie nicht genug Geld hatten, um aufzubrechen. Nach Monaten habe ich immer noch keine Nachricht von ihnen, wahrscheinlich sind sie in dem Elend und der Gewalt gestorben, denn wer kein Geld in Libyen hat überlebt nicht.“Auf einem Ohr hört er nur sehr wenig, weil er grausam verprügelt wurde, und auf den Schultern sind wie es scheint Brandzeichen von Feuer. Aber diesen Teil seines Lebens will K. vergessen. Er lässt ihn aus. Er fügt nur hinzu: „Ich habe immer noch Albträume, wenn ich daran denke, dass meine Eltern noch leben könnten, und dass sie diese Torturen erleiden könnten; ich hoffe nur, dass sie tot sind. Nur so hört man auf zu leiden.“

K.s Gefühlsausbruch geht weiter: „Wenn wird das Geld finden, um aus einem Zimmer/Kerker herauszukommen, werden wir an andere übergeben, und wieder an andere, um dann auf ein bereits kaputtes Boot zu steigen; und wenn wir uns weigern, erschießen sie uns ohne zu zögern. Weißt du wie viele Menschen ich in Libyen habe sterben sehen, ich höre immer noch ihre letzten Worte, ich habe ihre letzten Blicke noch im Kopf; und ich Feigling bin stumm geblieben, um mein Leben zu retten. Ich bin ein Feigling, Allah möge mir vergeben!“

“Wenn wir auf dem Boot sind, sorgt auch die libysche Küstenwache dafür, uns zu töten. Sie steigen auf das Boot und schlagen die Menschen, sie verlangen die Herausgabe von Mobiltelefonen, Geld und anderen Wertsachen, die letzten die uns geblieben sind; ich hatte einen Ring, und wie du siehst, haben sie mir den Finger gebrochen, um ihn sich zu nehmen (er zeigt uns die Hand, die aussieht, als hätte sie einen Schlag erlitten, Anm. d. Red.). Er war von meinem Vater und ich wollte ihn nicht hergeben. Die libysche Küstenwache hat auch Menschen getötet, indem sie diese mit Schlägen ins Wasser gestoßen hat, um sich Platz auf dem Boot zu verschaffen. Wir haben vor unseren Augen eine Frau und ein Kind untergehen sehen.“

K. schäumt vor Wut, wir umarmen ihn, um ihn zu beruhigen. „Ich glaube niemandem mehr, verzeiht mir, auch ihr werdet eure Interessen vertreten. Ich muss zu meinem Onkel gehen, ich kann mich nicht länger aufhalten. Ich habe meinem Vater versprochen, ihn für ihn zu umarmen; sie wurden getrennt, weil meine Großeltern sie nicht beide großziehen konnten. Der letzte Wunsch meines Vaters war folgender: umarme deinen Onkel für mich und rette dein Leben. Ich kann meinen Vater nicht enttäuschen, ich muss gehen.“

Wir haben K. auf der Straße angetroffen, zusammen mit vielen anderen Jugendlichen, welche die „Parkplatz“-Zentren für unbegleitete Minderjährige verlassen. Diese werden problemlos in ganz Sizilien eröffnet, ohne jegliche Logik oder Planung, nur mit Gedanken an das „Aufnahme-Business“. Es existiert keine regionale Kartierung der Strukturen für Minderjährige, und diese werden eröffnet, ohne die in dem Gebiet vorhandenen Dienstleistungen oder ihre Nutzbarkeit von Seiten der Bewohner*innen zu berücksichtigen. Oft befinden sich die Aufnahmezentren mitten auf dem Land oder in den entferntesten Außenbezirken kleiner urbaner Zentren.

Die Unternehmungslustigsten treffen also die Entscheidung freiwillig wegzugehen, währenddessen verbleiben in der Unterkunft die psychologisch Schwächeren, jene, die sich nicht zu häufig beschweren, die „Guten“, die „Einfach-zu-Händelnden“, mit der Erlaubnis der Institutionen und der Betreiber der Einrichtungen.

In diesem Moment müssen nun die Betreiber der Einrichtungen, die versuchen gute Arbeit zu leisten, mit einigen Gemeinden rechnen, die sich weigern, die Verlegungen zu genehmigen, sowie mit den überfüllten Gerichten und mit den Ordnungsämtern, die keine Unterbringungsmöglichkeiten für die volljährig Gewordenen finden, ohne die ohrenbetäubende Stille der zentralen Behörde zu missachten, die sich nicht um die Gemeinden kümmern, welche die Weitervermittlung in die SPRAR-Zentren* anfragen.

Ein massakrierendes Spiel, ausgetragen auf dem Rücken der Jüngsten, ein absichtlich irreführendes System, das seelische Gewalt und Flucht begünstigt und schürt.

Es ist einfach, diese Jugendlichen, die auf verschiedene Art und Weise rebellieren, um ihre Rechte einzufordern, als gewalttätig abzustempeln … Vor allem wenn Vormünder nicht existieren, oder, sollten welche eingesetzt worden sein, diese die Minderjährigen meist niemals gesehen haben. Das Resultat dieses Ungehorsams ist zu oft ein und dasselbe wie das der Flucht aus den Zentren: der Verlust des Asylanspruchs.

Diese Situationen werden von dem ewigen Ausnahmezustand unterstützt, der Betreiber begünstigt, die „Aufnahme-Profis“ sind und auch um die zehn Zentren verschiedenen Types zur gleichen Zeit verwalten: Zentren für Minderjährige, CAS*, SPRAR*, HUB*, Hotspot, sogar CPR* (die ehemaligen CIE*). So kommt es, dass Verwalter wie Sol.Co., Badia Grande, Aquarinto und Azione Sociale ein SPRAR* und ein CPR* betreiben, obwohl diese eigentlich zwei verschiedene Auffassungen vertreten sollten. Ober aber es kommt vor, dass sie am qualifizierten Personal sparen, indem sie für alle Einrichtungen dieselbe Gruppe an Mitarbeiter*innen vorsehen (Psychologe*in, Rechtsberatung, Mediator*in, etc.).

Die Minderjährigen werden an einem Ort „aufgenommen“, an dem man die schlechten Zustände unter denen sie leben und ihre Abschottung ausnutzt, um sie leichter ausbeuten zu können. In der Region Trapani finden sich bereits im Morgengrauen Schlangen von Kindern ein, die bereit sind, sich ein wenig Geld auf dem Land zu verdienen. Ein Kampf um den niedrigsten Preis unter den Armen, zugunsten der Landwirt*innen, die auf ihren Lastautos starke Hände sammeln. Diesen zahlen sie 15€ für 10/12 Stunden Arbeit ohne jede Pause, denn – wie K. erzählt – „Wenn du langsam bist, nehmen sie dich am nächsten Tag nicht und suchen andere aus“.Und es sind dieselben Straßen, die sich am späten Nachmittag mit Jugendlichen und sehr jungen Nigerianerinnen füllen, die von Leuten ohne Skrupel ausgebeutet werden.

Auf die Gewalt gegenüber den Minderjährigen folgt die gegenüber den Erwachsenen. Die angekommenen Menschen werden (trotz der Bemühungen der Freiwilligen) über Wochen in Notfalleinrichtungen wie die der Caritas in Palermo vergessen, und sie werden weiter auf der Grundlage ihrer Nationalität kollektiv zurückgewiesen: hunderte von Migrant*innen, wie die etwa 150 Nordafrikaner*innen der letzten Woche, unter denen sich zwei marokkanische Frauen im schwangeren Zustand befanden, die ins CPR von Ponte Galeria bei Rom gebracht wurden. Ihre einzige Rettung ist wie immer nur das Glück, auf Schutzvereine und Freiwillige zu treffen, die sich um sie kümmern.

Sicher ist nur – und das entnimmt man eindeutig den Blicken und dem Gewicht, das die Menschen, die wir täglich treffen, mit sich tragen – dass man weiter auf dem Rücken der Migrant*innen spekuliert, auch auf dem der allerjüngsten.

Wir wünschen uns, dass K. eines Tages seinen Onkel umarmen kann, und dass die Zukunft für ihn zumindest ein wenig Glück bereithält.

Redaktion Siciliamigranti

* SPRAR – Sistema di protezione per rifugiati e richiedenti asilo: Schutzsystem für Asylsuchende und Flüchtlinge, kommunales Aufnahmesystem auf freiwilliger Basis (keine staatliche Verpflichtung), ca. 3000 – 3500 Plätze in ganz Italien. Soll zur Integration der Geflüchteten dienen.

* CAS – Centro di accoglienza straordinaria, außerordentliches Aufnahmezentrum

* HUB – aus dem Englischen von „Sammelpunkt“, so sollen die neuen Verteilzentren für Asylsuchende heißen

* CPR – Centro di permanenza per il rimpatrio= Aufenthaltszentrum für die Rückführung

* CIE – Centro di Identificazione ed Espulsione: Abschiebungshaft

Übersetzt aus dem Italienischen von Moira-Lou Kröll

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